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Stern Mathematik: Beweismaterial erwünscht
Freigegeben von matroid am Di. 10. Oktober 2006 08:55:04
Verfasst von magic_carpet -   2374 x gelesen [Gliederung] [Statistik] Druckbare Version Druckerfreundliche Version
Vermischtes

Die Jagd nach dem Beweis

Mit leisen Sohlen pirschte ich mich heran. Ich verharrte einen Augenblick und prüfte die Lage: der Wind streifte von vorne mein Gesicht ... gut. Die Berge aus Papier waren hoch genug, um jede Sicht auf mich vollständig auszuschließen... auch gut. Mein Zielobjekt hatte keine Ahnung, dass ich mal wieder auf der Lauer lag um es zu fangen. Es hatte keine Ahnung, dass ich wochenlang nichts getan hatte, als diese drei Buchstaben zu üben: „q.e.d.“ Ich hielt meinen Bleistift locker in der Hand und zielte... diesmal würde er mir nicht entkommen... diesmal würde ich ihn fangen...
KNACK!!!

Etwas unter meinem Fuß machte ein lautes Geräusch. Der Beweis, der sich gerade noch friedlich auf meinem Block gefläzt hatte, brauchte keine Sekunde um die Situation zu deuten, und bevor ich mich noch mit letzter Kraft auf ihn stürzen konnte, war er schon über alle Berge. Ich fluchte das Blaue vom Himmel und hob das Etwas auf, das ich zerbrochen hatte. Es zeigte eine winzige Inschrift, die mit bloßem Auge kaum zu erkennen war: „Punkt vor Strich!“ Na toll! Dieser ach so kleine und doch schwerwiegende Rechenfehler hatte mir schon wieder die Jagd versaut. Enttäuscht ging ich nach Hause.

Seit Jahren schon hatte ich versucht, den Beweis zu finden. Als kleines Kind schrieb ich regelmäßig dem Weihnachtsmann, er solle doch einfach das neue Fahrrad und die ganzen doofen PC-Spiele vergessen und mir den Beweis schenken. Aber ich glaube, der Weihnachtsmann kann nicht so gut Mathematik, und das ist auch gut so, denn sonst würde er womöglich ausrechnen, dass es völlig unmöglich ist, alle Kinder auf der ganzen Welt an einem einzigen Abend mit Geschenken zu versorgen. Vielleicht würde er auch noch rauskriegen, dass er rein physikalisch nicht mal durch den Schornstein passt, und dass er so viel Milch und Kekse, wie sie ihm in manchen Ländern hingestellt werden, gar nicht alle alleine essen kann. Nein, der Weihnachtsmann sollte der Mathematik schlicht und einfach fernbleiben um Weihnachten nicht zu gefährden.
Als ich das begriffen hatte, versuchte ich, mir den Beweis von meinen Eltern zu wünschen. Meine Eltern haben sich schließlich beim Mathestudium kennen gelernt, weswegen ich der Mathematik äußerst dankbar bin, denn ohne sie gäbe es mich ganz einfach nicht. Doch auch meine Eltern waren ziemlich ratlos, rechneten ein paar Tage herum und schickten mich schließlich wegen eines selbst für ehemalige Mathestudenten nicht zu begreifenden Wunsches zur Schulpsychologin, die mir versuchte einzureden, dass ich ja eigentlich ein doofes PC-Spiel haben wollte. Die Schulpsychologin ist nämlich Englischlehrerin und kann Schüler, die nicht Englisch, sondern z.B. Mathe als Lieblingsfach haben, nicht verstehen. Gar nicht. Nicht ein bisschen! Andere Lehrer oder Schüler, die so ein Verständnisproblem haben, schickt man ganz einfach zur Schulpsychologin, aber... nun ja. Obwohl ich die Vorstellung ziemlich erheiternd finde: Mrs Miller führt im Schulpsychologenzimmer Selbstgespräche, mal auf der Couch liegend, mal auf dem Stuhl davor sitzend, mit dem Klemmbrett für Notizen auf dem Schoß. Nach einigen anstrengenden aber sinnlosen Sitzungen entließ sie mich an meine Eltern mit dem wunderschönen Satz:

„This stupid girl keeps looking for a proof of this stupid mathematical theorem. I will become nuts if I talk to her one more time!“

Gut, der Satz enthält einen Fehler, natürlich war sie schon längst „nuts”, aber er gab mir zu denken. Wenn mein „mathematical theorem“ wirklich „stupid“ war, dann würde ich die Lösung vielleicht... in einem Irrenhaus finden?
Sofort besorgte ich mir eine Zwangsjacke (um nicht so aufzufallen) und machte mich auf in die nächste Anstalt. Die Frau an der Rezeption sah mich verdutzt an, als ich eintrat. Okay, zugegeben... ich sah sicher etwas merkwürdig aus, schließlich war die Jacke nicht ganz vorschriftsmäßig geschnürt (das ist aber auch schwer wenn man das alleine machen muss) und ich hatte ein paar blaue Flecken im Gesicht, ich war nämlich kurz davor in der U-Bahn umgefallen, weil ich mich ja nirgendwo festhalten konnte. Muss ein ausschließlich modischer Grund sein, warum die Psychopathen solche Jacken anziehen, also praktisch sind sie auf jeden Fall nicht. Freundlich ging ich auf die Frau zu und erklärte ihr, ich sei auf der Suche nach dem Beweis und würde mich gerne mal umschauen. Sie war sehr hilfsbereit: Sofort ließ sie ihre Arbeit stehen und schrie:

„Alarm!!! Da ist anscheinend eine ausgebrochen!“

was in der Sprache der Anstalt wahrscheinlich so viel heißt wie:

„Willkommen! Natürlich zeigen wir dir alles“,

denn im nächsten Moment kamen zwei große Wärter herein. Die hatten richtig tolle Muskeln, so dass ich ganz weiche Knie bekam, aber zum Glück haben mich die beiden ja gut festgehalten, damit ich nicht umfalle. Ganz verliebt strahlte ich sie an, aber Männer tun sich ja im Gefühle zeigen immer ein bisschen schwerer, deswegen guckten sie nur grimmig zurück und brachten mich wortlos in einen Raum, der vollkommen leer war. Aber die Wände gefielen mir: Sie waren aus Gummi und ganz weich. Und völlig unbeschrieben. Jetzt verstand ich. Man hatte mir ein Zimmer gegeben, damit ich meine Berechnungen durchführen konnte. Zum Glück hatte ich noch ein Stück Kreide in der Tasche, mit dem ich alles voll schrieb, wobei ich zwar nicht auf den Beweis kam, aber die Wände sahen jetzt viel schöner aus.
Freudig überrascht stellte ich fest, dass man mich dort sogar übernachten ließ, und ein Gespräch bei der Schulpsychologin der Anstalt bekam ich außerdem noch. Sie sagte mir zwar, dass sie eigentlich nicht Schulpsychologin, sondern Anstaltspsychiaterin sei, aber im Prinzip machte sie genau das Gleiche, nur nicht auf Englisch. Zwei Tage später war es meinen Eltern dann schließlich gelungen, mich ausfindig zu machen, und sie holten mich wieder ab.
Leider hatte ich – wie gesagt – den Beweis trotz meines Anstaltsbesuchs nicht finden können. Also bat ich meine Eltern, ob sie ihn mir nicht zu meinem Geburtstag kaufen wollten. Leider wurde mir gesagt, ich würde mir doch auch keinen Ferrari wünschen, das sei viiiiiel zu teuer.

Also spare ich jetzt selbst auf meinen Beweis. Schließlich hab ich ihn mir schon gewünscht, selber danach gesucht, bin in die Anstalt gegangen, sogar gejagt habe ich ihn schon, und jetzt werde ich ihn mir kaufen. Wenn ich mich nicht irre, kann ich ihn mir mit meinem Taschengeld, dem Geld von der Nachhilfe und der Vermarktung meiner selbstentworfenen Beweis-Sucher-Tapete in 214 Jahren leisten.

Und dann heißt es endlich:

q.e.d.



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" Stern Mathematik: Beweismaterial erwünscht" | 17 Kommentare
 
Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasser verantwortlich.

Re: Beweismaterial erwünscht
von Hans-Juergen am Di. 10. Oktober 2006 09:28:21


Hi Nadine,

mit diesem Artikel ist Dir ein absoluter
Volltreffer gelungen. Herzlichen Glückwunsch
und Gruß!

Hans-Jürgen



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Re: Beweismaterial erwünscht
von totedichterin am Di. 10. Oktober 2006 09:42:12


Wirklich herrlich geschrieben. Weiter so Nadine, Deine Geschichten machen viel Spaß beim lesen.

Frage mich gerade ob Felix und ich irgendwann auch ein nach Beweisen jagendendes Kind bekommen *gg* haben uns ja auch im Mathestudium kennen gelernt.

Liebe Grüße Janina

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Re: Beweismaterial erwünscht
von Bernhard am Di. 10. Oktober 2006 09:51:24


Hallo Nadine!

Klasse wieder was von Dir zu hören!
Genauso erfrischend wie Dein erster Freitagsreport über die "Differenzialrechnung-Lebensretter"!

Und was Deinen Beweis betrifft: Ich glaube, hier auf dem MP gibt es eine ganze Menge Leute, die bereit sind, alles zu tun, um die 214 Jahre gegen 0 konvergieren zu lassen...

Vielen Dank, Bernhard

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Re: Beweismaterial erwünscht
von Meren-Adven am Di. 10. Oktober 2006 12:59:19


Einfach schee wink
Und wehe irgendeiner der Zyniker verirrt sich hierher und lässt so etwas vom Stapel wie "Sowas brauchen wir hier nicht"...
Ohne Druck machen zu wollen: Ich freue mich schon auf die nächste Geschichte, und wenn es 1 Jahr dauern sollte smile

Gruß
MA

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Re: Beweismaterial erwünscht
von Nodorsk am Di. 10. Oktober 2006 15:01:31


Hallo,

tolle Geschichte, aber betrachtet man den Weihnachtsmann als Massepunkt, passt er durch den Schornstein wink

Gruß
Marc

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Re: Beweismaterial erwünscht
von Martin_Infinite am Di. 10. Oktober 2006 19:39:49


Hey Nadine, der Artikel ist wie gesagt wink wieder sehr schön geworden :). Und es ist schon faszinierend, was du alles aus einem Satz herausholen kannst ("ich schreib jedes jahr an den weihnachtsmann und wünsch mir einen beweis", FD)

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Re: Beweismaterial erwünscht
von magic_carpet am Di. 10. Oktober 2006 19:50:08


Danke für die netten Worte *total freu*

@Martin: hihi, meinste ich sollte mich bei FD dafür bedanken? *ggg*
@Janina: na hoffentlich fabriziert ihr nicht genauso ein durchgedrehtes Exemplar wie meine Eltern wink

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Re: Beweismaterial erwünscht
von huepfer am Di. 10. Oktober 2006 20:13:19


@Nadine,

sollte ich mir jetzt Sorgen machen?
Jedenfalls ist Dein Artikel sehr erfrischend zu lesen. smile

Gruss,
   Felix

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Re: Beweismaterial erwünscht
von briefkasten am Di. 10. Oktober 2006 22:11:01


Hi Nadine,

deine Artikel sind echt super zum lesen. Ich sitze immer mit einem Grinsen vor dem PC, wenn ich deine Artikel lese. Weiter so wink

Mfg bRi3Fk4sTeN

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Re: Beweismaterial erwünscht
von NotInterested am Di. 10. Oktober 2006 23:34:52


Hi magic_carpet,


schöne Geschichte. Ich habe leider ein schlechtes Gedächnis, ich glaube es ging um eine chemische Formel/Struktur; der Entdecker grübelte (Jahre!?) darüber nach, wie diese nun aussähe möge. Eines schönen Morgens erinnerte er sich an den Traum in der Nacht zuvor. Im Traum sah er 5(glaube ich) Mädchen, die sich an den Händen hielten und tanzten, da wusste er gleich, dass es ein Ring sein muss!


lg
NotInterested

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Re: Beweismaterial erwünscht
von cyrix am Mi. 11. Oktober 2006 00:42:18


@NotInterested: Es ging um Benzol (und damit 6 Leute) wink Der Herr hieß übrigens Loschmidt (zumindest kenne ich über diesen die Geschichte).


Viele Grüße, Cyrix

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Re: Beweismaterial erwünscht
von Rebecca am Mi. 11. Oktober 2006 02:51:58


@cyrik: Korrektur; es war August Kekulé von Stradonitz, ein deutscher Chemiker 1829-1896, der - nach eigenen Aussagen - 1865 den Benzolring im Traum entdeckte.

Erst 35 Jahre später berichtete er auf der so genannten "Benzolfeier", die die chemische Industrie zu seinen Ehren veranstaltete, von diesem Tagtraum:
"... und wieder drehten sich die Atome vor mir. Vor meinem geistigen Auge, das mit zahllosen, einander ähnelnden Bildern angefüllt war, konnte ich große, eigenartige Gebilde und lange Ketten erkennen. Die Gebilde krümmten sich wie Schlangen. Plötzlich geschah etwas. Eine Schlange packte ihren eigenen Schwanz und bildete eine ringähnliche Form, die vor meinen Augen herumwirbelte. Mir war zumute, als hätte mich der Blitz getroffen, und ich erwachte. Lasst uns lernen zur träumen, meine Herren, dann werden wir vielleicht die Wahrheit erfahren."

Loschmidt spielt auch eine Rolle in der Entdeckung des Benzolringes: Er hatte Kekulé schon 1861 auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht, damals lehnte Kekulé die Ringtheorie jedoch ab.

Gruß
Rebecca

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Re: Beweismaterial erwünscht
von KlausLange am Mi. 11. Oktober 2006 11:41:20


Das mit dem Weihnachtsmann klärt sich ja dadurch auf, dass er eigentlich ein Absolvent von Hogwarts ist, woraus sich auch die Häufung der Harry Potter Bücher auf den Gabentischen erklärt.

Daher empfiehlt es sich, die Zeit bis zum ersehnten q.e.d. von 214 Jahren auf deren Quersumme 7 zu verkürzen, in dem man die siebenjährige Ausbildung auf besagter Schule absolviert...

wink

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Re: Beweismaterial erwünscht
von NotInterested am Mi. 11. Oktober 2006 15:18:28


Hi,


ich zappte mich gerade rein in diese Doku, deshalb meine Ungenauigkeit, aber dank @Rebecca ist es nun geklärt.


lg
NotInterested

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Re: Beweismaterial erwünscht
von Luftbus am Do. 12. Oktober 2006 10:20:01


Hallo Nadine,

ein wirklich erfrischender Artikel!
Kannst du mir verraten, wo man die Beweise einkaufen kann? Gibt´s die auch in einem eShop?
Ich hätte da noch einige, die sich nicht lösen lassen wollen wink

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Re: Beweismaterial erwünscht
von Bernhard am Do. 12. Oktober 2006 21:41:57


Hallo Luftbus!

NECKERMANN MACHT'S MÖGLICH !!!

was noch zu beweisen wäre ...

Bernhard

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Re: Beweismaterial erwünscht
von viertel am Fr. 13. Oktober 2006 02:59:13


Hi Nadine

„Solche Artikel brauchen wir hier nicht.“
Wer sowas auf deinen hier losläßt, der hat seinen Humor und seine Träume irgendwo in der 5. Dimension verloren.

Ich kann Dir Deine Sehnsucht, endlich den Beweis zu finden, gut nachfühlen. Habe selbst mal nach einem gesucht — vierundzwanzig Jahre lang. Und irgendwann hat es dann "klick" gemacht.

Also: nur nicht aufgeben... also die Jagd meine ich. Na ja, eigentlich auch den Drang, solche Artikel zu schreiben.

Viele liebe Grüße vom 1/4

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