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Gedanken eines Mathematikers - Wo geht es lang?
Freigegeben von matroid am So. 03. Mai 2009 19:45:59
Verfasst von gaussmath -   3328 x gelesen [Gliederung] [Statistik] Druckbare Version Druckerfreundliche Version
Vermischtes

GEM - Wo geht es lang?... Der Wegweiser durch den Kosmos

Bild    Geht es um Raum, Zeit und alles, was danach, also nach dem Tod kommt, dann braucht der Mensch Orientierungshilfen. Erst recht, wenn es um gekrümmte Raumzeit, Quantensprünge, phasenverschränkte Parallelwelten und diesen ganzen Kuddelmuddel geht. Da blickt doch keiner mehr durch. Der Mensch navigiert zwar Raumschiffe durch den Kosmos, rennt dann aber barfuß vor den nächstbesten Türpfosten, wenn er nachts mal raus muss. So ist der Mensch nun mal, geplagt durch Diskrepanzen, die er sich selbst geschaffen hat.
    Ja, ist doch wahr.
    Alles ist relativ und unscharf, dualistisch und irgendwie tüdelig, muddelig, wuselig verschoben und verschränkt. Ein richtiges Chaos ist das. Wie soll man da noch wissen, wo oben und unten ist?
   Zum Glück gibt es Koordinatensysteme, Atomuhren, GPS und Perspektiven für das Jenseits. Diese Dinge leisten wirklich gute Dienste. Ich glaube, dass im Jenseits alles besser wird. Wenn man entmaterialisiert durch den Garten Eden wandelt, dann stößt man sich nicht mehr an jeder zweiten Ecke den kleinen Zeh oder steht nicht dösig im Stau, während man stolz wie Oskar auf sein neues Navi schielt. Falls Euch das noch nicht bewusst ist: Ist die relative Geschwindigkeit zur Leitplanke 0, dann braucht man kein Navi! Navigieren und Stillstand ist ungefähr so sinnvoll wie Altersvorsorge und ewiges Leben.
   Ob man das nun gut oder schlecht findet, ist irrelevant, so was wie Stillstand gibt es nicht. Alles ist im Fluss und zwar nicht im selben, ich meine damit, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann. Das ist auch gut so. Manche waschen ihre Wäsche in Flüssen oder machen andere Sachen, die zum Menschsein dazugehören. Da will man nicht unbedingt drin rumpaddeln...
   Wo geht es eigentlich lang und was kommt danach, also, wenn man angekommen ist? Das sind wichtige Fragen.

  Bevor es richtig losgeht, hier noch ein paar Worte in eigener Sache. Ich habe die härtesten Kritiker verpflichtet, die der Planet zu bieten hat.* Ich habe daher auf meine kürzliche kopernikanische Wende nochmal 180° drauf gelegt. Es kam ausnahmslos alles auf den Prüfstand, sogar meine Mentalität. Dabei habe ich festgestellt, dass ich tatsächlich über eine solche verfüge. Unglaublich! Nachdem diese Existenzfrage geklärt ist, folgt das einfache Versprechen: Jetzt wird alles besser!

* Nein, ich habe nicht gesagt, dass sie vor ihrer eigenen Haustür kehren sollen, zumal da oft gar keine vorhanden war. Im engeren Sinne natürlich... ;)

   Wie wichtig Orientierung ist, merkt man nicht nur, wenn man als Kosmonaut durchs All dümpelt, sondern auch, wenn man abends vollgedröhnt die Kneipe verlässt, um zurückzukehren ins traute Heim. Man wankt ähnlich einer Brown'schen Bewegung dusselig umher und wundert sich dann am nächsten Morgen, wie man es ohne Dazutun des Großhirns, also der Region des Cerebrums, wo bewusste Denkprozesse stattfinden, in die Badewanne geschafft hat. Da liegt man nun in dieser zweckentfremdeten Koje und fragt sich: "Waren das höhere Mächte?" Die Antwortet lautet: "Das kann durchaus möglich sein, ist aber ziemlich unwahrscheinlich." So oder ähnlich würde der vernunftbegabte Mensch reagieren. Gut, letztlich weiß es keiner so richtig, oder?
   Nein, ich denke, dass das Hirn selbst dann noch einen minimalen Dienst tut, wenn man sich heftigst einen hinter die Binde gekippt hat, die "Lampe so richtig glüht". Unterbewusste Prozesse laufen ja immer irgendwie ab, sogar, wenn man schläft oder Talkshows im Privatfernsehen guckt. Und außerdem: Ein Filmriss ist noch lange keine Zeitreise! Das ist ein eindringliches Beispiel dafür, dass die sinnliche Wahrnehmung trügen kann.
   Ich möchte hier einen kurzen Appell an alle Experimentalphysiker richten. Nebenbei, ich weiß ja, dass Ihr viel lieber theoretische Physiker sein wollt. Mal unter uns Angewandten: Was wäre Schach ohne Bauern? Richtig, es muss auch die geben, die direkt "an der Front kämpfen". Ich meine damit die Grauzone, wo Wissenschaftler und Steuerzahler aufeinanderprallen. Gut, manchmal schliddern beide Lager völlig blind aneinander vorbei. Da hilft nur eins, nämlich Augen auf und den Dialog suchen.
   Mein Appell: Lasst bitte den Alkohol aus dem Kopf, wenn Ihr experimentiert! Das kann sonst zu sonderbaren Ergebnissen führen. Man beobachtet dann so was wie molekulare Bewegung bei 0 K oder ähnliches, weil sich irgendwie alles dreht. Das geht noch abstruser. Es gibt gewisse Substanzen, die, wenn man sie sich bedenkenlos zuführt, zu Sinneswahrnehmungen führen können, welche mit der Realität nichts mehr zu tun haben. Da guckt der Astronom durch sein Teleskop und entdeckt kleine grüne Männchen auf der Marsoberfläche, die fröhlich Polka tanzen. Der freudige Entdecker wähnt sich schon gefeiert in einem Leitartikel in der nature:
"We're not alone - and they can dance!", fällt dann aber ordentlich auf die Schnüss, wenn die Leber das Gröbste abgebaut hat. Puh, da ist die Blamage natürlich perfekt.
   Also, geht ausgeschlafen, gut gelaunt und vor allem nüchtern zur Arbeit. Ach so, man sollte auch immer gut Frühstücken und viel Mineralwasser trinken. Elektrolytmangel führt leider auch zu kuddelmuddeligem, krisseligem Gewusel vor den Augen.
  Eigentlich wäre das doch ganz schön. Nein, ich meine damit nicht, dass man vollstrucks, sternhagelvoll, abgeschossen, spritig, zugedröhnt zur Arbeit geht. Ihr nun wieder... Ich meine die Existenz von Außerirdischen. Dann wären wir nicht allein. Wir hätten so was wie einen "großen Bruder", der uns an die Hand nehmen könnte. Das ginge indes nur, wenn die Aliens nett sind und nicht ganz so bekloppt wie wir. Solche hüpfenden Schleimbeutel, die keinen vernünftigen Ton rauskriegen, allenfalls ein "ghrpffffgpsssssmm" oder so was, das würde uns nichts nützen. Solche Viecher kämen höchstens auf den Grill, schön mariniert mit Kräutern der Provence...
   Nein, das müsste schon eine überlegene, hochentwickelte Spezies sein, die alles durchschaut hat. Bahnbrechende Errungenschaften auf dem Gebiet der Medizin wären nicht schlecht. Dann könnte man einfach weiter rauchen wie ein Schlot, keinen Sport treiben und alles in sich reinstopfen, was geht. Das wäre toll. Arterienverkalkung und Bandscheibenvorfall, alles kein Thema. Die extraterrestrischen Freunde kriegen einen schon wieder hin, wenn man "am Stock geht". Man griffe auf deren enormen Fundus an Wissen und Technik zurück und könnte damit alle ökonomischen und ökologischen Probleme dieses Planeten im Nu lösen. Einfach klasse, diese Vorstellung!
   Boah, und wie die rechnen könnten...wie der Teufel!* Beweis der Riemann-Hypothese? Die würden müde lächeln und sagen: "So etwas machen bei uns die Kinder in der Grundschule und zwar in der 1. Klasse. Die Verallgemeinerung dann in der 2. Klasse, aber auch nur dann, wenn die Intelligenz durchschnittlich ist und die Begabung eher im Sprachlichen liegt, sonst natürlich schon im Kindergarten." Der Beweis des großen Fermats wäre ein läppischer Einzeiler bei denen. Was dann erst die richtigen Mathematiker tun, dazu fehlen jegliche Begrifflichkeiten und mir überhaupt die nötige Vorstellungskraft.
   Doch kürzlich wurde der Begriff "Pornomathematiker" geschaffen. Vorsicht! Nicht, dass Ihr annehmt, ich würde die Sache mal wieder mit reißerischen Formulierungen auf die feine Spitze treiben. Dieser Begriff entfloß nicht meiner Feder. Er ist ohne böse Absichten und doppelten Boden übernommen worden aus einem Thread hier auf dem MP. Mit Gleichmütigkeit und viel Toleranz für unorthodoxe Bezeichungen könnte er das obige Begrifflichkeitsfindungsproblem mit einem Schlag lösen. "Pornomathematiker" heißt dann so viel wie "sau gut rechnen können", was auf die Außerirdischen sicherlich zutreffen würde, also könnte, wenn es sie denn gäbe.
   Natürlich würden einem die netten Freunde von nebenan jederzeit bestätigen, dass die anderen Volldeppen sind. Man selbst ist ja nie deppert. Mit die anderen meine ich Leute aus anderen Kulturkreisen, Parteien oder Fachbereichen.
   Ich möchte das Problem einmal etwas vereinfacht darstellen. Nehmen wir an, wir würden die Menschheit in zwei Gruppen einteilen, also Gruppe A und Gruppe B, dann würde Gruppe A behaupten, dass alle Leute aus Gruppe B bekloppt sind. Umgekehrt gilt das natürlich auch, so dass unterm Strich alle bekloppt sind. So, um die Verwirrung komplett zu machen: Gruppe A glaubt gleichermaßen, dass sie schlauer ist, als Gruppe B und auch hier gilt die Umkehrung. Die Folge ist, dass alle schlauer sind. Als wer denn jetzt? Na, als die anderen eben! Da haben wir es wieder, dieser komische Dualismus, der alles Seiende und Werdende erfasst und durchdringt. Die Leute sind zugleich bekloppt und schlauer. Ich nenne das den Beklopptheitsdualismus** des menschlichen Geistes. Es handelt sich hierbei wohl bemerkt um eine externe Beurteilung. Man kann das auch anders nennen, wenn man nicht böse ist, aber wer ist das schon?

* Ich meine nicht den ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg.
** Ich glaube, dass ich mit diesem Begriff in die Geschichte eingehen werde.
   Lasst mich das noch ein wenig weiterspinnen. Nehmen wir an, es gäbe unendlich viele Gruppen mit unendlich vielen Mitgliedern, welche alle unendlich bekloppt sind. Wie will man jetzt in jeder Gruppe jeweils den Beklopptesten finden, der eben diese Gruppe repräsentiert? Gut, meistens ist das der, der laut Hier schreit, wenn der Chef die Arbeit verteilt. Nein, mal jetzt im Ernst. Der Mathematiker führt dann das sogenannte Auswahlaxiom* (auf Englisch Axiom of Choice, Abkürzung AC) ein. Dieses besagt ganz einfach: Ja, es gibt den Beklopptesten in jeder Gruppe, der diese repräsentieren kann. Man kann den irgendwie immer finden und zufällig zuordnen. So oder so ähnlich ist das. Ein konkretes Beispiel wäre George W. Bush. Das ist der bekloppteste Amerikaner und wurde Repräsentant dieses Volkes, wurde also zufällig als Präsident gewählt. Ein kritischer Blick auf diese Wahl lässt Zweifel daran aufkommen, dass das erstens ordnungsgemäß ablief und zweitens deterministisch war.
   Mathematiker sind in zwei Lager geteilt. Es gibt die, die das Auswahlaxiom toll finden und die, die es ablehnen. Die einen behaupten von den anderen, dass sie bekloppt sind. Letztlich haben wir hier die gleiche Situation wie eben: Alle Mathematiker sind bekloppt! Das ist komisch, ich dachte nämlich immer, dass Mathematiker schlau und sogar schlauer sind. Ich meine, ich bin ja selbst einer. Das verwirrt mich jetzt ganz schön. Ich habe die Orientierung verloren.
   Wenn man sich in solchen Situationen befindet, sollte man die Ruhe bewahren und in sich gehen, die Lage besonnen analysieren und sich dann mit Hilfe des Verstandes und der Erfahrungen, die man bis dahin gesammelt hat um Lösungsmöglichkeiten bemühen. Man könnte
  1. sagen: "Ich finde das sowieso immer alles schrecklich hier. Ich will zurück in Mamas Bauch!".
  2. sagen: "Mir ist das egal, was andere denken. Ich mache grundsätzlich, was mir gerade in den Kram passt!"
  3. sich um eine intelligente Lösung bemühen.
   Nur was? Mein Vorschlag wäre, dass man ein drittes Lager errichtet. Darin erfasst man die Mathematiker, die das Auswahlaxiom niemals brauchen, also nie in diese brenzlichen Situationen geraten, wo man sich dafür oder dagegen entscheiden muss. Dem Stress aus dem Weg gehen, ist nämlich ziemlich schlau.
   Wenn Ihr jetzt glaubt, dass das toll ist, eine richtig intelligente Lösung, dann irrt Ihr Euch! Es passiert nämlich Folgendes: Wir haben drei Gruppen. Gruppe A (AC ist super), Gruppe B (AC gehört in die Tonne gekloppt) und Gruppe C (alles vermeiden, das eine Entscheidung erfordert). Jetzt glaubt Gruppe A und Gruppe B, dass Gruppe C bekloppt ist. Damit ist Gruppe C doppelt bekloppt! Au Backe. Das ging voll nach hinten los. Ich glaube, ich lass' das besser. Ich meine, hier müsste ein geschulter Spieltheoretiker ran. Man müsste doch irgendwie durch geschickte Absprachen ein Nash-Gleichgewicht herausholen können?! Ich bitte hier an dieser Stelle höflichst um Vorschläge und bedanke mich im voraus.

*Da ist ein richtig interessanter Artikel von Fabi. Falls Ihr das mit dem AC richtig verstehen wollt, dann schaut mal da rein. Ich habe das ja nur populärwissenschaftlich abgehandelt.
  Ich habe den Karren so richtig an die Wand gefahren. Das ist nicht gut, wenn man da steht vor den Trümmern der eigenen kuddelmuddeligen Argumentationsstränge. Wenn der umherirrende Suchende sich um Orientierung bemüht, dann muss er sich an Leute wenden, die ihm das auch bieten können.
   Die Greenwicher, Greenwichianer, Greenwichiesen... Man, wie heißen die denn eigentlich korrekt? Na, ich meine die Leute, die aus Greenwich (GB) kommen. Die haben eine gute Orientierung, denn sie sind zwar nicht der Mittelpunkt, aber der Mittelstreifen der Welt. Man nennt das den Nullmeridian. Das ist ein orthogonal zum Äquator stehender und von Nord- zu Südpol verlaufender Halbkreis (warum eigentlich nicht ganz rum?), von dem aus die geographische Länge nach Osten und Westen bestimmt wird. Kurzum: Da geht es los! Entschieden wurde das auf der Internationalen Meridian-Konferenz im Oktober 1884 in Washington.
   Ich finde das toll, dass die Leute das gemeinsamen im Dialog entschieden haben. Die hätten das auch militärisch klären können. "Wir sind der Mittelstreifen der Welt, nein wir, nein wir"... und zack, fliegen einem die Kugeln um die Ohren. Wahrscheinlich hätte es dann mehrere Mittelstreifen gegeben, weil mal wieder keiner eindeutig gewonnen hätte. Puh, was für ein Stress. Ob sich Greenwich auch heutzutage noch durchsetzen würde, weiß ich nicht. Mich beschleicht gerade die subtile Vorstellung, dass sich der Amerikaner den Nullmeridian einheimsen würde, ganz ohne Dialog.
   Die wissen oft gar nicht, dass andere überhaupt existieren. Ein Beispiel dazu aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz: Zu meinen Schulzeiten lernte ich eine nette Austauschschülerin aus Alabama kennen. Sie fragte mich doch tatsächlich, ob die Leute in Bayern denn schon Strom und Telefon hätten!!! Ich erwiderte, dass das der Fall sei. Heutzutage würde ich ergänzen:" Ja, die haben Strom, Telefon, Internet und sogar Demokratie in Bayern!" Gut, das ist eine gewagte Halbwahrheit. Was die Amerikaner können, kann ich schon lange. ;-) Die sind wahre Meister in Bezug auf Halbwahrheiten...
   Es könnte natürlich auch sein, dass das mit dem Nullmeridian in einem weltweiten nuklearen Konflikt ausgetragen werden würde. Dann müssten halt die Küchenschaben darüber entscheiden, wo der sich breitmacht. Meiner Meinung nach sind diese Viecher nicht gerade die beste Anlaufstelle in Sachen geographischer Kompetenz.
   Nein, das ist gut, dass das die Leute längst festgelegt haben.
   Aber witzig ist das schon. Der Mensch geht hin und legt fest. Einfach so. Rechts und links, oben und unten, Norden, Süden, Osten und Westen. Warum macht er das? Warum ist der Meter nicht 1,5 Meter lang und die Lichtgeschwindigkeit 1,5c oder sogar variabel? Der Grund ist, dass der Mensch ein Bedürfnis hat nach festen Maßstäben, Bezugspunkten und Orientierung.
   Ich finde, dass Physiker mutige Leute sind. Die beschäftigen sich mit Quantenphysik und Relativitätstheorie. Das sind Dinge, die einem Menschen einen Strich durch die Rechnung machen, wenn es um feste Maßstäben, Bezugspunkte und Orientierung geht. Mir würde dabei Angst und Bange werden. Wirklich. Nicht nur das, ich würde dusselig werden. Nein, ich bleibe lieber bei den Erscheinungen, die sich zwischen dem Mikro- und Makrokosmos* befinden. Der Mittelweg ist der goldene welche...

*Wo ist denn dann die Mathematik anzusiedeln, oder überhaupt das Denken? Was noch viel schwieriger zu beantworten ist: Wo ist der Inhalt des Denkens zu suchen? Böse Sprüche folgen jetzt nicht an dieser Stelle. Ich will auch nicht allzu berechenbar werden.
  Alle großen Errungenschaften sind aus einem Bedürfnis heraus entstanden. Das denke ich. Talkshows im Privatfernsehen, um die Hirnaktivität auf ein Minimum zu reduzieren, was einer erholsamen Entspannungsphase zuträglich sein soll; und Toaster, um diesem labbrigen, blassen Weißbrot ein wenig Farbe und Halt zu verpassen.
   Glücklicherweise gibt es auch hier feste Bezugspunkte, um nicht gänzlich im Chaos der Natur zu versinken, wenn man ihr mal so richtig auf den Zahn fühlt. Mir ist kein Fall bekannt, bei dem ein Toaster in der Lage war MP3s abzuspielen. Puh, da bin ich wirklich froh! Wenn selbst bei diesen einfachsten Dingen des Lebens der Dualismus schleichenden Einzug hält, dann würde ich... ich glaube, ich würde auf die Straße gehen und streiken. Jawoll, das würde ich, auch ganz allein, ohne die Außerirdischen an meiner Seite. Gut, die würden dann sagen: "Was stellst Du Dich so an? Bei uns können sogar Mikrowellen MP3s abspielen." OK! Es ist eben doch alles eine Frage der Gewöhnung.
   An gewisse Dinge kann man sich einfach nicht gewöhnen. Dass alles irgendwie krumm und schief ist, also, dass der Kosmos eine Riemannsche Mannigfaltigkeit ist, bzw. durch eine solche beschrieben werden kann. Ich habe die Augen offen gehalten, wirklich überall, draußen im Garten, im Wald, auf der Autobahn mit Tempo 230 und auf dem Weg vom Schlafzimmer ins Bad und wieder zurück. Und? Ich konnte nichts finden, was dafür spräche. Es war alles ziemlich gradlinig und direkt zugänglich. Trotzdem ist das so. Uah, unheimlich ist das.
   Zu ängstlich sollte man aber nicht sein. Anzunehmen, dass die Erde eine Scheibe ist, weil man es gerne gerade hat, ist wenig nützlich. Nein, die Erde ist ein Ellipsoid. Man fällt da nicht runter, wenn man über den angenommenen Rand hinaus segelt oder fährt. Auch wenn man sich mal verlaufen hat, ist das alles immer noch recht ungefährlich. Es sei denn, man landet in Köln-Kalk. Dann sollte man alsbald seine Orientierung zurückgewinnen und schleunigst nach Hause fahren. Zuhause ist es doch am schönsten. Da kennt man sich aus.
  Oder anders herum: Da, wo man sich auskennt, da fühlt man sich zuhause. Das mit dem Auskennen ist aber gar nicht so leicht. Man kloppt sich das ganze Wissen in den Kopf und versteht doch oft nur Bahnhof. Selbst wenn man alles irgendwie versteht, was einem so vorgesetzt wird, dann gelangt man ja trotzdem nicht an die Grenzen des Wissbaren. So geht es mir mit der Mathematik. Das kann man vergleichen mit dem expandierenden Universum, das unendlich groß ist, ohne richtige Grenzen, die man jemals auch nur ansatzweise erreichen könnte. Bleibt man hingegen konsequent bei dieser Metapher, muss man sich ernsthaft Sorgen machen. Vielleicht kollabiert die Mathematik irgendwann! Fupp, alles weg...
   Das wäre schade. Ich glaube, ich wäre dann aber längst umgezogen in ein anderes Universum. Kunst macht auch Spaß! Ich glaube ja, dass die Natur ein Künstler ist, der Werke schafft, die für alle Interpretationen offen sind. Das Dilemma des Menschen liegt darin, dass er irgendeine Interpretation finden muss, sonst versinkt alles im Chaos. Die Mathematik ist nur ein Versuch, eine Sprache zu finden und zu verwenden, um die Ordnung aufzuzeigen in den Phänomenen und ihren Zusammenhängen. Darin wiederum liegt ihre Notwendigkeit und gleichermaßen ihre Banalität.
   Das ist ein Satz, den ihr Eurem Mathelehrer oder Professor sagen könnt, wenn es mal wieder eine 5 hagelt und Ihr es auf die intelligente Spitze treiben wollt. Ist er indes schlau, wird er erwidern:"Schön gesagt, aber was sind die Alternativen?" Da weiß ich dann auch nicht weiter.
   Ich weiß nur eines so richtig. Wenn sich irgendwann alle Erkenntnisse zu widersprechen scheinen, dann ist gewiss, dass genau da oben ist, wo der Frosch hinklettert, wenn es schönes Wetter geben wird. Ob Kosmonauten auf solche Orientierungshilfen zurückgreifen können, müsste man erst noch überprüfen. Kein Mensch weiß, ob die Viecher auf Sonnenstürme und Spiralnebel reagieren.
   Das war es schon wieder für dieses Mal. Der Text nimmt hier sein Ende. Manch einer freut sich darüber, manch einer noch viel mehr. Ein Anfang und ein Ende ist allerdings auch wichtig für die Orientierung. Klar, wenn man am Wochenende die Verwandtschaft besucht, dann möchte man da irgendwann mal ankommen. Unendlich lange Strecken sind irgendwie doof. Viel wichtiger dagegen ist, dass der Besuch an sich mal ein Ende nimmt. Bei manchen Verwandten käme das ansonsten einer ewigen Verdammnis gleich. Das ist auch doof.
   Ich habe mir ja überlegt, was ich besser machen kann. Interaktion/Dialog ist immer gut, dachte ich mir, deshalb stelle ich zwei Dinge in den Raum zur Diskussion:
  1. Ich bin dafür, Mannigfaltigkeiten* zukünftig als kuddelmuddelige Verwurschtelung** zu bezeichnen. Was haltet Ihr davon? Das klingt knuffig. Der Eisbär Knut war auch knuffig und seeeeehr populär!
  2. Welche Mathematik würden Außerirdische machen? Die schlauen natürlich, nicht die hüpfenden Schleimbeutel. Mir fehlt dazu die Phantasie, deshalb zähle ich auf Euch.
Euer gaussmath

*Ein schöner Artikel von FlorianM. Man beachte Abbildung 2: "Eine schöne Mannigfaltigkeit". Das sieht doch ziemlich verwurschtelt aus!
**Ich glaube, dass ich auch und gerade mit diesem Begriff in die Geschichte eingehen werde.

∴ Was ist GEM? Falls Ihr hier nach Tipps für die nächste Analysisklausur sucht oder ernsthafte philosophische Abhandlungen über das Wesen der Mathematik erwartet, dann seid Ihr hier leider falsch. Nein, hier geht es (fast immer) um Mathematiker und Leute, die rechnen können, aber irgendwie anders als üblich. Manchmal "böse" und bissig, auf jeden Fall richtig schön "frech" und stets charmant. Beschwerden bitte per PN oder Kommentarfunktion an mich. Vielleicht schau' ich da mal rein... ;)


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Gedanken eines Mathematikers - Wo geht es lang? [von gaussmath]  
GEM∴ - Wo geht es lang?... Der Wegweiser durch den Kosmos    Geht es um Raum, Zeit und alles, was danach, also nach dem Tod kommt, dann braucht der Mensch Orientierungshilfen. Erst recht, wenn es um gekrümmte Raumzeit, Quantensprünge, phasenverschränkte Parallelwelten und di
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" Gedanken eines Mathematikers - Wo geht es lang?" | 7 Kommentare
 
Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasser verantwortlich.

Re: Gedanken eines Mathematikers - Wo geht es lang?
von GrandPa am So. 03. Mai 2009 22:41:37


biggrin

Sag mal Gaussmath, wie kommst du auf solche Gedanken ?

Da dreht sich ja einem alles (=>Brown'sche Bewegung).

smile

Lg
GrandPa

 [Bearbeiten]

Re: Gedanken eines Mathematikers - Wo geht es lang?
von Bernhard am Mo. 04. Mai 2009 00:58:36


Hallo gaussmath!

Mal wieder interessanter mathephilosophischer Artikel!
Relativ lang zwar, aber locker genug um ihn zu verdauen.
Vielen Dank übrigens für die Tips und Links auch zu den anderen schönen Artikeln! Fabis habe ich z.B. nie gesehen, prima, daß Du den so wieder aus der Versenkung geholt hast. Mittlerweile ist das auf dem MP auch so ein Auswahlproblem - undendlich viele Artikel zu unendlich vielen Themen und keiner kann sagen, welcher der beste ist. biggrin

Zu dem deinigen noch ein paar Ergänzungen - oder soll ich besser sagen Orientierungen?

Bahnbrechende Errungenschaften auf dem Gebiet der Medizin wären nicht schlecht. Dann könnte man einfach weiter rauchen wie ein Schlot...
Das wäre prima, dann würde ja auch der Alkohol nix mehr ausmachen... smile

Man nennt das den Nullmeridian. Das ist ein orthogonal zum Äquator stehender und von Nord- zu Südpol verlaufender Halbkreis (warum eigentlich nicht ganz rum?), von dem aus die geographische Länge nach Osten und Westen bestimmt wird.
1. Der verläuft vom Süd- zum Nordpol. Dort ist vieles anders gepolt, insbesondere im Straßenverkehr.
2. Ganz herum ginge nicht, auf der anderen Seite müßte er ja dann wieder andersherum laufen... razz

Ich finde, dass Physiker mutige Leute sind. Die beschäftigen sich mit Quantenphysik und Relativitätstheorie. Das sind Dinge, die einem Menschen einen Strich durch die Rechnung machen, wenn es um feste Maßstäben, Bezugspunkte und Orientierung geht.
Vielleicht kollabiert die Mathematik irgendwann!
Auch unter den Mathematikern gibt es solch mutige Leute. Gödel hat die Mathematik ja schon fast zum Kollaps geführt.

Von wegen Beklopptheitsdualismus:
In Deinem Beispiel hat sich die Menge doch in 3 Teilmengen aufgespalten - wieso dann nicht Trialismus??
Solche Phänomene gibt es übrigens nicht nur unter bezüglich des IQ, sondern auch anderer mathematischer Inhalte:
Nicht zuletzt die von Dir erwähnte Relativitätstheorie haben die Menge der Mathematiker auf die gleiche Weise dreigespalten:
Solche, die echt dran glauben, ohne jemals einen gebogenen Lichtstrahl gesehen, ein Lichtquant abgewogen oder eine Zeitreise mitgemacht zuhaben,
Solche die das nicht zuletzt aus obigen Gründen für Unfug halten,
und solche, die das ignorieren, weil es sich ohne diese Formeln auch ganz gut (über)leben läßt.
Dasselbe gilt für den von mir vorgebrachten Gödel.
Ich jedenfalls habe noch von keiner Anwendung dieser Formeln und Theorien gehört, die von positivem praktischen Nutzen für die Menschheit gewesen wäre. Kernkraft und Atombomben beruhen auf radioaktivem Zerfall, der war aber vor Einstein bereits entdeckt worden (bei letzteren soll sogar ihr Nutzen für die Menscheit sehr umstritten sein), und auf eine konntrollierte Verwendung der Kernfusion wartet man schon Jahrzehnte, da haben auch Einsteins beste Formeln nicht weitergeholfen.

Viele Grüße, Bernhard

 [Bearbeiten]

Re: Gedanken eines Mathematikers - Wo geht es lang?
von gaussmath am Mo. 04. Mai 2009 15:16:20


Hallo zusammen,

GrandPa in Kommentar No. 1 schreibt:
Sag mal Gaussmath, wie kommst du auf solche Gedanken ?

Ich kann mir schon denken, worauf du hinaus willst.  biggrin Nein, das geht alles mit rechten Dingen zu. Es waren keine "stimulierenden Substanzen" im Spiel. Manch einer kann sich das nur schwer vorstellen, ist aber tatsächlich so und nicht anders.

Bernhard in Kommentar No. 2 schreibt:
...Dasselbe gilt für den von mir vorgebrachten Gödel...

Ja, der kommt auch noch dran. Ich werde das irgendwie unter dem Thema "Grenzgänger" behandeln. In der Tat kann man auch "abstürzen", wenn man über den Rand hinaus geht/denkt. Das ist schon eine beeindruckende Leistung, dass es überhaupt jemand geschafft hat, an den Rand zu gelangen. Wahnsinn!

Grüße, gaussmath

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Re: Gedanken eines Mathematikers - Wo geht es lang?
von Algirdas am Fr. 08. Mai 2009 14:43:23


@gaussmath, du solltest nicht so viel mit mir kommunizieren.
Gruss

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Re: Gedanken eines Mathematikers - Wo geht es lang?
von gaussmath am Fr. 08. Mai 2009 18:01:40


@Algirdas: Ich kann ja auch nix dafür, dass du immer so interessante Sachen von dir gibst.

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Re: Gedanken eines Mathematikers - Wo geht es lang?
von FriedrichLaher am Do. 21. Mai 2009 20:28:47


Ein Toaster, der MP3's spielt ist mir zwar noch nicht untergekommen,
aber
allen Ernstes eine Kombigerät Toaster+Radio ( auf eine Kaffeefahrt )

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Re: Gedanken eines Mathematikers - Wo geht es lang?
von gaussmath am Fr. 22. Mai 2009 09:41:29


Hallo FriedrichLaher!

Unglaublich, dass es so etwas geben soll. Daher habe ich mich mal auf die Suche gemacht und bin hier fündig geworden. Außerdem habe ich noch das entdeckt, was ja thematisch ganz gut passt.  biggrin

Grüße, gaussmath

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