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Mathematik: Alles Leben ist Entscheiden
Freigegeben von matroid am Fr. 22. November 2013 18:10:34
Verfasst von Gerhardus -   3256 x gelesen [Gliederung] [Statistik] Druckbare Version Druckerfreundliche Version
Vermischtes

Die Natur würfelt:
Alles Leben ist Entscheiden mittels Information

Über meine Versuche zur Erkenntnistheorie können Philosophen nur den Kopf schütteln: „Für jeden Fachmann ist schnell zu erkennen, dass Sie über Dinge urteilen, die Sie nicht verstanden haben.“ Ich habe viel von Philosophen gelernt, meide aber sinnlosen Streit mit dem unverständlichen und verständnislosen Fachmann aus der stochastikfreien Scheinwelt. Jedenfalls will ich Platons Höhle nicht schönreden, sondern aus ihr ausbrechen. Meine Gedankenspiele sind unfertig, voll offener Fragen, führten aber zu abenteuerlichen Thesen. Für mich bedeutet Philosophie, die Prinzipien des Lebens zu erkunden, die in den Grundbegriffen der Mathematik modelliert werden wie z. B. der schwierige und fließende Begriff der (Un-)Abhängigkeit.

A. Zehn prinzipielle Thesen
1. Die Welt besteht aus einer Fülle unabhängiger Objekte und Notwendigkeiten, die gewisse Abhängigkeiten schaffen. Sie ist ein Konzept von (Wahl-) Möglichkeiten, von Notwendigkeit und Zufall, von abhängig und unabhängig, von stetig und unstetig, von stabil und labil. Kausalität beinhaltet logische Konzepte, unabhängige Systeme von vernetzten Regeln.
2. Unaufhörlich geschehen Zufälle: Unabhängige kausale Pfade stoßen zusammen und/oder gabeln sich. Gabelung (Bifurkation, Zufallsentscheidung, Auswahl) heißt Labilität: Aus mehreren Alternativen wählt der Zufall eine aus.
3. Prinzip Emergenz/Kreativität: Durch Zusammenspiel entstehen plötzlich neue Einheiten mit neuen logischen Strukturen und neuen Eigenschaften und Wirkungen. (Neu heißt unvorhersehbar, nicht ableitbar.) Kausales erzeugt Zufälliges (z. B. Zufallszahlen, deterministisches Chaos), umgekehrt erzeugt Zufälliges Kausales (siehe Wahrscheinlichkeitstheorie).
4. Widersprüche/Probleme treiben die Entwicklung voran (dialektisches Prinzip von Hegel und Marx).
5. Information, eine Erfindung des Lebens, macht aus Alternativen Entscheidungen. Information entsteht durch phys. Kommunikation (Dialog) und als zufälliges Entscheidungskriterium, das Möglichkeiten setzt oder löscht. Sie ist für künftige Entscheidungen fixierbar.
6. Ohne Indeterminismus kein Leben: Alles Leben ist Entscheiden und Entwickeln einer eigenen Kausalität im Sinne eines Lebenstriebes (-willens, -programms) mittels Information. Freiheit und Zwang zur Entscheidung sind eins. Elementare kognitive Operatoren sind Auswählen (Unterscheiden) und Zuordnen (Verallgemeinern). Aus verknüpften Informationen werden neue Informationen und neue Möglichkeiten. Nicht nur wegen deren Unsicherheit vervielfacht das Leben die Anzahl von Möglichem und Zufälligem.
7. Ohne Entscheidung keine Fiktion: Um zu entscheiden, erzeugt das Gehirn fiktive Regeln und sammelt Erfolge und Fehler. Wir haben einen Sinn für Regeln, nicht für Zufälle, nicht für die Entscheidungen der Natur, nur für unsere eigenen Probleme/Erwartungen.
8. Ohne Logik kein Wissen: Die Entdeckung, dass Regeln vernetzt sind, führt zum offenen Wissen (Prinzip Fantasie). Wissen ordnet zufällige Informationen und bildet so Kausalität. Es wächst dialogartig durch Thesen/Fragen/Probleme, Versuch, Irrtum sowie Vernetzung und Schlussfolgerung.
9. Wissen ist stets unvollständig und unsicher (außer in eng definierten Situationen). Möglichkeiten sind versteckt. Daher bleibt die Frage offen (unentscheidbar): Ist der Zufall objektiv oder eine versteckte Kausalität? Der Zufall ist nicht detailliert nachweisbar.
10. Wissenssegmente (Theorien) sind entspr. ihres Gehalts hierarchisch aufgebaut. Aus dem Kleinen entsteht das Große. Prinzip von Konstruktion und Reduktion.

B. Grundlagen
Leben beginnt mit kleinsten Einheiten (Einzeller) und bildet durch Kooperationen immer größere Einheiten. Jede Einheit bildet ihre eigenen Informationen.
Information ist eine Entscheidungshilfe, eine Erfindung des Lebens, um Entscheidungen zu treffen. Die einfachste Ja-Nein-Entscheidung benötigt ein Bit. Weil Entscheidungskriterien Regeln sind, gilt der Grundsatz: Information macht entscheidungsrelevante Regeln. Information ist alles, was zu einer dieser Regeln passt (d. h. sie bestätigen, verwerfen oder ändern kann). Sie ist keine phys. Eigenschaft des Informationsträgers, sondern Teil einer Entscheidungssituation. Information macht Unabhängiges abhängig.
Kooperationen bedeuten: Größere Einheiten beherrschen/benutzen die unteren Einheiten. Damit Subjekte kooperieren, müssen aus subjektiven Informationen objektive entstehen. Beim Menschen denkt nur das Individuum, aber das Gehirn benötigt die Kommunikation.
Kategorien sind die Grundbegriffe, mit denen wir die Objekte der Umwelt unterscheiden.
Regeln beschreiben Abhängigkeiten und sind Gesetzmäßigkeiten oder Vorschriften, betreffend einzelne Kategorien. Sie haben immer einen Grad von Allgemeinheit (vgl. Manfred Spitzer, Lernen, Gehirnforschung und die Schule des Lebens, Spektrum Verlag 2007, S. 68-94). Zwischen Aussage und Aussageform, zwischen Sachverhalt, Begriff und Regel, zwischen formaler Logik und Logikkalkül ist zu unterscheiden. Regeln sind vernetzt und verbinden sich zu neuen Regeln oder Fragen. Nach K. Popper kann man Regeln nicht beweisen, sondern nur durch Gegenbeispiele falsifizieren. Anders die formale Logik und die Logikkalküle der Mathematik mit ihren ewig gültigen Zusammenhängen. Um Regeln zu verstehen, brauchen wir die freie (d. h. zufällige) Auswahl von Beispielen. So verstehe ich den bemerkenswerten Satz des griechischen Philosophen Empedokles von Akragas, (5. Jh. v. Chr.): „Jeder glaubt nur das, worauf ihn der Zufall gebracht hat.“
Zufällig ist alles, was durch Regeln nicht erfassbar ist und voneinander unabhängig ist. Der Zufall ist bedingt durch die Unabhängigkeit der Objekte und Regeln (Kausalitäten)und daher auch ein Zeichen von Nicht-Information. Man kann sich den Zufall vorstellen als Begegnung zweier unabhängiger Ursachen. Offenbar gilt:
1. Zufall und Unabhängigkeit sind im Detail nicht nachweisbar, denn Information bedeutet Abhängigkeit. Die Wissenschaft kann nur nach Regeln suchen. Das Konzept des Zufalls erklärt Vieles, u. a. die Möglichkeit echter Entscheidungen (s. u. Goethe), ferner in der Statistik die Erkenntnis von (Un-)Abhängigkeit, z. B. Benford’sches Gesetz. Der strenge Determinismus führt zum Fatalismus und sagt nur, dass uns Wissen fehlt.
2. Der einzelne Zufall ohne passende Gesamtheit hat keine Wahrscheinlichkeit.
3. Zufall wird zur quantifizierbaren Wahrscheinlichkeit als Häufung gleichartiger Ereignisse (Frequentismus, engl. a posteriori probability). Im Laplace-Experiment (z. B. der Würfel) wird die Wahrscheinlichkeit von der Symmetrie der Zufallsergebnisse bestimmt (engl. a priori probability). Damit beginnt die Wahrscheinlichkeitstheorie.
4. Da unser Verstand süchtig nach Regeln ist, mag er Zufälle nicht akzeptieren. Die Folge sind willkürliche Erklärungen, die sich dann (zufällig) als falsch erweisen. Der Zufall erscheint als Planstörung. F. Dürrenmatt: »Je planmäßiger der Mensch vorgeht, um so wirkungsvoller trifft ihn der Zufall.« (Die Physiker, 1962)

C. Anmerkungen:
J. W. Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Erstes Buch, Mitte des siebzehnten Kapitels (1795):
»Es ist hier die Rede nicht von meinem Glauben, noch der Ort, auszulegen, wie ich mir Dinge, die uns allen unbegreiflich sind, einigermaßen denkbar zu machen suche; hier ist nur die Frage, welche Vorstellungsart zu unserm Besten gereicht. Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt zu werden. Wehe dem, der sich von Jugend auf gewöhnt, in dem Notwendigen etwas Willkürliches finden zu wollen, der dem Zufälligen eine Art von Vernunft zuschreiben möchte, welcher zu folgen sogar eine Religion sei. Heißt das etwas weiter, als seinem eignen Verstande entsagen und seinen Neigungen unbedingten Raum geben? Wir bilden uns ein, fromm zu sein, indem wir ohne Überlegung hinschlendern, uns durch angenehme Zufälle determinieren lassen und endlich dem Resultate eines solchen schwankenden Lebens den Namen einer göttlichen Führung geben.«
Goethe hat hier genial einfach Notwendigkeit und Zufall als Grundlage des Lebens dargestellt. Ohne Zufälliges könnten wir die Welt nicht ändern, wären wir ohne Aufgabe, unser Leben sinnlos. Ohne Notwendiges gäbe es weder Basis noch Regeln, könnten wir nicht leben.

Das Zusammenspiel von Kausalität und Zufall hat mich immer interessiert. Ich habe versucht, das Prinzip „Die Natur würfelt.“ konsequent weiterzudenken. Irgendwann fiel mir ein: Zu Möglichkeiten gehört so etwas wie die zufällige Auswahl: Als neutralstes Wort dafür fand ich schließlich den Begriff zufällige Gabelung. Beispiel Ziehung der Lottozahlen: Aus den Möglichkeiten der 6 richtigen Zahlen werden ganz zufällig 6 Zahlen gezogen. Die Natur trifft eine zufällige Auswahl aus unzähligen Möglichkeiten, die nicht als Zufall nachweisbar ist. Entscheidung ist dann eine Eigenart des Lebens, die mit Information verbunden ist. „Information und Entscheidung“ ist ein politisches Thema, keines der biolog. Wissenschaft, weil Entscheidung immer mit Zufällen verbunden ist und die Naturwissenschaft nur Abläufe und Ursachen wahrnimmt. Und weil Zufälle nicht nachweisbar sind, klammert die Naturwissenschaft Begriffe wie Zufall und Entscheidung weitestgehend aus. Zufall kennt die Naturwissenschaft nur als Massenphänomen. Dafür hat die Mathematik eine Theorie in Gestalt der Wahrscheinlichkeitstheorie. Die Philosophie mag auch den Zufall nicht und ordnet Entscheidungen nur dem Menschen zu. Ich glaube an die Existenz des Zufalls, weil wir sonst vieles gar nicht erklären können. Wozu bräuchten wir ein Gehirn, wenn alles deterministisch vorherbestimmt wäre?
Die Philosophen, ob Materialisten oder Idealisten, haben die ungeheure konstruktiv-kreative Gestaltungskraft des Gehirns, das Eigenleben des Bewusstseins, unterschätzt. Das Mittel der Sprache hat ihm eine ganz neue Qualität gegeben. Die Wahrnehmungen sind die Eckpunkte unseres Wissens. Die zahllosen Verbindungen muss das Gehirn im Laufe seines Lebens selbst entwerfen und abspeichern, soweit sie Erfolg hatten. Deren innere Logik erzeugt Fantasie, aus dem Schlussfolgern entstehen Fragen an die Umwelt. Erst wenn unser Wissen logisch konsistent ist, sind wir zufrieden. Die Mathematik zeigt, dass die den Regeln innewohnende Logik keine subjektive Erfindung ist, sondern einen objektiven Charakter hat (s. Roger Penrose, Dieter Wandschneider). Für Platon war das eine kulturhistorische Entdeckung, die seinen objektiven Idealismus begründete.
Weil unser Wissen so erfolgreich ist, halten wir es für wahr und müssen glauben, dass die Welt analog strukturiert ist. Der Pragmatismus hält den persönlichen Erfolg für den Maßstab der logischen Konsistenz, ist aber zu egoistisch. Was letztlich logisch konsistent ist, bleibt offen, ist mehrdeutig: mit Gott oder ohne.
Guiseppe O. Longo: „Die Erforschung der Komplexität hat zu einer wahren erkenntnistheoretischen Revolution geführt, weil sie an Stelle der Suche nach der einen „wahren“ beschreibenden Sicht eine Vielzahl von Ansätzen und Betrachtungsweisen gesetzt hat, die ein deutliches und einheitliches Ganzes ergeben… Das einheitliche Bild, das wir uns auf Grund unserer Erfahrung von einem Gegenstand machen, erscheint dann als eine geistige Konstruktion, aus der sich der Beobachter nicht ausschließen lässt… Es überrascht nicht, dass aus dieser konstruktivistischen Sicht jeder Wissenschaftler Mehrdeutigkeiten aufdeckt, so wie jeder Leser bei einem Text auf Mehrdeutigkeiten der Auslegung stößt.“ (Von der Komplexität zur Geschichte in: V. Braitenberg, I. Hosp, Evolution, Entwicklung und Organisation in der Natur,  Rowohlt 1994, S. 238). Aus subjektiven Konstruktionen werden erst durch intensive soziale Dialoge objektive Bilder. Objektivität ist keine individuelle Leistung, sondern entsteht durch gesellschaftliche Argumentationsfreiheit, auf Prinzipien des Dialogs basierend.

Die antiken Griechen fanden die Logik als Schlüssel zur Mathematik und machten die Mathematik zur ersten Wissenschaft: Mathematik als Theorie und als Mittel, um Theorien zu bilden. Die Mathematik steht im Leitkonzept fast aller Wissenschaften. Liegt es da nicht nahe zu fragen: Ist die Mathematik der Schlüssel zu einer effizienten Erkenntnistheorie? Das Rechnen ist die Kinderstube der Mathematik, die Logik formaler Regeln und Systeme führt in die höhere Mathematik, das Formalisieren von Prozessen und das Entwickeln geeigneter formaler Kategorien und Systeme ist ihre hohe Kunst.
Erkenntnis beginnt mit Problemen. Dann folgen: Suche nach Möglichkeiten, Suche nach Regeln und logische Abstimmung, d. h. Kontrolle der Schlüssigkeit. Ihre Methode ist der Dialog. Am Ende stehen rational beeinflusste Entscheidungen, in der Mathematik die Lösung oder der Beweis. So gehen wir täglich vor, nicht nur in der Mathematik.
Im 17. Jahrhundert kursierte unter Leibniz und Christian Wolff die Formel von der Philosophie als der „Wissenschaft des Möglichen“. Dank der vielen neuen Entdeckungen tauchten immer neue denkbare Möglichkeiten auf. Leibniz beruhigte die Angst der Mächtigen in seiner Theodizee: Die von Gott geschaffene Welt sei „die beste aller möglichen Welten.“ Voltaire hat ihn dafür zurecht verspottet.
Das Mögliche war damals das Ergebnis des Denkens, etwas, das dem Menschen Willens- und Entscheidungsfreiheit gab. Es blieb als Voraussetzung des Denkens unerkannt. Es entstand keine Philosophie des Möglichen, weil man nur nach Regeln suchte und jedes neu entdeckte Naturgesetz für ein mechanistisch-deterministisches Weltbild sprach. Aber es gibt keine Regel, Regeln zu erkennen, und je mehr nützliche Regeln der Mensch kennt, desto mehr Möglichkeiten hat er, umso ungewisser wird die Zukunft seines Wirkungsbereichs. Die Komplexität der Regeln (Naturgesetze) schafft ebenso komplexe Möglichkeiten und neue Möglichkeiten schaffen neue Regeln, also noch mehr Komplexität. Das gilt erst recht für das Leben (das eigene Regeln schafft). Es ist wie beim ethischen Imperativ: „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!“ Im Begriff des Möglichen sind Notwendiges, Zufälliges und Auswahl vereint.

Was ist also in den Thesen von mir und was aus der Literatur? Karl Poppers gefällige Formel: „Alles Leben ist Problemlösen“ (1991 in Bad Homburg) habe ich vereinfacht. Jedes Problem ist mit Alternativen und Entscheidungen verbunden, jede Entscheidung ist ein Problem, aber der Begriff „Entscheiden“ ist elementarer als der Begriff „Problem“.
Entscheidung ist das Schlüsselwort in meinen Thesen und ich finde, das sollte die Wissenschaft mehr beachten, auch die Philosophie. Von uns selbst wissen wir, wie wir uns mit Entscheidungen herumquälen, nur anderswo erkennen wir sie nicht, weil wir nur die wirklichen Abläufe sehen. Die Entscheidungstheorie achtet nur auf den Aspekt der Rationalität, aber das ist viel zu wenig.
Information gilt allenthalben als undefinierbar. Ich habe sie als Entscheidungskriterium an den Begriff Entscheidung gekoppelt, weil sie mir in meinem Modell fehlte und nur so hineinpasste. Diese Definition verbindet die stochastische Definition der Informationstheorie mit der bedeutungsbasierten Definition, mit dem politischen Buchtitel „Information und Entscheidung“. In der Mathematik spricht man von Entscheidungen in der Stochastik und Spieltheorie, wenn es keine 100% richtigen Lösungen gibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Signal folgt, korrespondiert mit der Wahrscheinlichkeit, dass eine Entscheidung richtig ist. „Die Shannon’sche Informationstheorie, genauer gesagt, die Theorie der Entscheidungsinformation, geht aus von der elementaren Entscheidung zwischen zwei Zeichen, etwa zwei Bits wie O oder L. Eine solche Alternativentscheidung wird in [bit] gemessen.“ (F. L. Bauer, G. Goos, Informatik, Eine einführende Übersicht, 1971, S. 42)
Warum aber soll man die Begriffe Information und Entscheidung auf stochastische Modelle beschränken? Jeder weiß, wie wichtig Information für Entscheidungen sind. Die Bedeutung einer Information ist letzten Endes eine Frage der sinnvollen Zuordnung. Sieht man von der Semantik und der digitalen Natur ab, ist die Shannon'sche Entscheidungsinformation der Alltagsinformation viel ähnlicher als vielfach angenommen.

Im Grunde ist eigentlich nichts neu. Ich habe nur versucht, es möglichst knapp und einfach zu formulieren. Hilfreich war mir die Literatur des Biologen Ernst Mayr, dessen Satz „Leben entwickelt eine eigene Kausalität“ ich wörtlich nehme, des Hirnforschers Manfred Spitzer und des Mathematikers Didier Dacunha-Castelle. Ferner die Wissenschaftjournalisten Stefan Klein und Martin Urban. Sie alle haben eine hohe philosophische Kompetenz.
Literatur:
Didier Dacunha-Castelle, Spiele des Zufalls, Instrumente zum Umgang mit Risiken, Gerling Akademie Verlag.
S. 228: „… komplexes Wesen, zufälliges Wesen und informatives Wesen sind im Grunde genommen dasselbe.“
Ernst Mayr, Konzepte der Biologie, Verlag Hirzel.
Ernst Mayr, Die Macht der Zufalls, Interviews 17. Juni 2003 (Teil 1, Teil 2)
Karl Popper, Alles Leben ist Problemlösen, Piper-Verlag.
Manfred Spitzer, Lernen, Spektrum Akademischer Verlag.
Stefan Klein, Alles Zufall, rororo.
Martin Urban, Warum der Mensch glaubt, Piper-Verlag.
L. Tarassow, Wie der Zufall will? Vom Wesen der Wahrscheinlichkeit, Spektrum Akademischer Verlag.
Niklas Luhmann, Entscheidungen in der "Informationsgesellschaft"

D. Nachwort des Zufalls
Dacunha-Castelle und Tarassow diskutieren das Wesen des Zufälligen außergewöhnlich gründlich. Das Goethe-Zitat verdanke ich L. Tarassow, der mir als Finale der populären russisch-sowjetischen Schule der Wahrscheinlichkeit erscheint, die seit P. L. Tschebyschow († 1894) aufblühte. A. A. Markow († 1922), A. N. Kolmogorow († 1987) und viele andere entwickelten sie weiter trotz des diktierten Determinismus. Stalin hatte die Welt zufallsfrei definiert: „Im Gegensatz zur Metaphysik betrachtet die Dialektik die Natur nicht als zufällige Anhäufung von Dingen, von Erscheinungen, die voneinander losgelöst, voneinander isoliert und voneinander nicht abhängig wären, sondern als zusammenhängendes einheitliches Ganzes, wobei die Dinge, die Erscheinungen miteinander organisch verbunden sind, voneinander abhängen und einander bedingen.“ (Über dialektischen und historischen Materialismus, 1938. So gefällig könnte eine Einleitung zur Ökologie beginnen.) Desaströs traf es die Sowjetbiologie, Stalins Chefbiologe Lyssenko 1948 als Zufallsvernichter: „Überwinden wir den Mendelismus-Morganismus-Weismannismus in unserer Wissenschaft, so verbannen wir damit die Zufälligkeiten aus der biologischen Wissenschaft. Wir müssen uns fest einprägen, dass die Wissenschaft der Feind des Zufalls ist.“
Die sowjetischen Mathematiker konnten relativ unbeschadet weiterarbeiten, auch bzgl. der Stochastik und der Volksbildung. Sie brachten 1945 das erste Schülerbuch über Wahrscheinlichkeitsrechnung heraus (weitere folgten) und versuchten auch erstmals, die Informationstheorie in die Schule zu bringen (A. M. Jaglom u. I. M. Jaglom, Wahrscheinlichkeit und Information, 1956ff).
R. Taschner erzählt im Buch Zahl, Zeit, Zufall (2009, S. 101) folgende Kolmogorow-Anekdote: »„Sagen Sie, Andrej Nikolajewitsch“, fragte einmal ein politischer Kommissar, „was ist das: Zufall?“ Geistesgegenwärtig antwortete Kolmogorow: „Genosse Kommissar, stellen Sie sich vor, ein armer Bauer betet um Regen. Und es regnet. Das ist Zufall!“«

E. Entscheidungsarme Definitionen von Information:
D1. Information laut Wikipedia
D2. Information laut Uni-Saarland
D3. Klaus Fuchs-Kittowski, Wissens-Ko-Produktion: Verarbeitung und Entstehung von Informationen in kreativ-lernenden Organisationen, S. 66
In: Stufen zur Informationsgesellschaft, Festschrift zum 65. Geburtstag von Klaus Fuchs-Kittowski, Hg. Christiane Floyd, Christian Fuchs, Wolfgang Hofkirchner, Peter Lang Verlag 2002 (In der pdf-Datei von 2010 auf S. 18 geringfügig geändert.)
»Es konnte herausgearbeitet werden, daß für alle Ebenen der Organisation lebender und sozialer Systeme u. a. folgende Prinzipien für ein tieferes, ja neues, Verständnis des Wesens der Information grundsätzliche Bedeutung haben:
1. Information ist nicht auf ihre syntaktische Struktur reduzierbar.
2. Information ist keine Substanz, sondern ein Verhältnis, eine Trias von Form, Inhalt und Wirkung.
3. Informationen werden von Lebewesen nicht einfach von Außen aufgenommen. (2010: Höhere Lebewesen nehmen keine externen biologischen Informationen auf.)
4. Information entsteht intern in Einheit von Abbildung, Bedeutung und Bewertung.
5. Die Semantik der Information wird syntaktisch nicht vollständig gespeichert.
6. Form, Inhalt und Wirkung der Information bilden einen universellen Zusammenhang.
7. Information ist weder Materie noch Geist allein, sondern die Verbindung zwischen Materiellem und Ideellem.
8. Information als Codierung existiert in Raum und Zeit, die Semantik, das Ideelle, in der Gleichzeitigkeit.
9. Information ist eine organisierende Wirkung, die über Bedeutungen vermittelt wird.
10. Information ermöglicht organisierte Strukturen, die Funktionen realisieren können, wobei die Information erst über die Funktion (Pragmatik) ihre Bedeutung erhält.
Solche allgemeinen Prinzipien können Grundlage bzw. Bausteine einer allgemeinen Theorie der Information sein, die dann im Besonderen jeweils konkret zu untersuchen sind.«

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Alles Leben ist Entscheiden [von Gerhardus]  
Die Natur würfelt: mittels Information Über meine Versuche zur Erkenntnistheorie können Philosophen nur den Kopf schütteln: „Für jeden Fachmann ist schnell zu erkennen, dass Sie über Dinge urteilen, die Sie nicht verstanden haben.“ Ich habe viel von Philosophen gelern
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" Mathematik: Alles Leben ist Entscheiden" | 23 Kommentare
 
Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasser verantwortlich.

Re: Alles Leben ist Entscheiden
von Hans-Juergen am Sa. 23. November 2013 10:16:39


Hallo Gerhardus,

danke für Deine ausführlichen, interessanten Überlegungen.

Was mich selber schon seit längerem wundert und auch bei Dir wiederkehrt, ist ein gewisser Hang zur Personalisierung: Der Zufall "wählt aus", die Natur "würfelt", "trifft eine zufällige Auswahl" und "entscheidet".

Welches philosophische Konzept, erkenntnistheoretisch gesehen, steckt wohl dahinter? Hierauf weiß ich keine Antwort.

Viele Grüße,
Hans-Jürgen

P.S. Personalisierung gibt es auch auf vielen anderen Gebieten; nur bei der Natur ist sie besonders ausgeprägt. Wie bei einem lebendigen, denk- und entscheidungsfähigen Wesen wurde/wird von ihr gesagt: sie läßt sich nicht täuschen/überlisten, weiß es besser/am besten. Die Natur macht, was sie will, macht nichts vergeblich. Sie macht keine Sprünge, kennt keine rechten Winkel, spricht mathematisch, fürchtet die Leere. Sie greift an, schlägt zurück. Die Natur ist erfinderisch, erfolgreich, gewinnt, vergißt nichts. Sie ist freigiebig, verschwenderisch, wird "Mutter" Natur genannt.  

 

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von gonz am So. 24. November 2013 07:00:15


Hallo Gerhardus,

das ist wirklich eine gewaltige Zusammenstellung, im positiv gemeinten Sinne ein wahres "Panoptikum".

Mir ist beim erst Lesen auch aufgefallen, dass der Gedanke einer "willenlosen" Entwicklung. eines "und was passiert, passiert", einfach sehr erschreckend ist, und man automatisch so etwas wie "Alles Leben ist Entscheiden und Entwickeln einer eigenen Kausalität im Sinne eines Lebenstriebes (-willens, -programms) mittels Information". sieht / sehen möchte.

Ich weiss zum Beispiel immer noch nicht, ob Emergenz wirklich auftritt, dh ob etwas entstehen kann, das etwas "ganz anderes" ist, auch in seinen Grundlagen,  oder ob nicht am Ende doch alles "nur" Physik und Informatik ist, Rückkopplung und Chaos, und das Entstehen einer Information / eines Zustandes aus der vorhergehenden, also ohne den in der Emergenz irgendwie mitschwingenden "Funken" des wirklich neuen. Aber darüber nachzugrübeln habe ich irgendwie fast aufgegeben, wenn man an einem Bachlauf sitzt und die Wellen sieht und die Sonnenstrahlen glitzern - dann ist das natürlich etwas sehr anderes, als wenn man die Atome flitzen sehen würde.

Ich danke dir für den Genuss beim Lesen
und habe das eine oder andere mitgenommen, was zu bedenken oder zu vertiefen ist,

gonz

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von Bernhard am Mo. 25. November 2013 23:33:02


Hallo Gerhard!

Danke für Deine interessanten Ausführungen.
Mir fehlt allerdings solche Begriffe wie "dynamisches Weltbild" oder "wachsen" darin. So wie ich Deine Gedanken verstanden habe, scheint doch Deine Grundidee folgende These zu sein:

"Eine sich dynamisch "lebendig" entwickelnde Welt oder jegliches dynamische System in ihr - auf was für einer Ebene es auch sein mag - beruhen letzlich immer auf einer des darvinschen Mechanismus ähnlichen Konstellation von Zufall-Unsicherheit-Alternativbildung und Auslese-Entscheidung-Gewichtung."

Und das beziehe ich jetzt ausdrücklich nicht nur auf biologisch-physikalisches Leben, sondern auch auf z.B. die kulturelle und industrielle Evolution allgemein, wissenschaftliche, philosophische oder politische Entwicklungen (z.B. die Aufklärung) oder Kunststile.
Aber auch ein ganz anderes, praktisches Beispiel ist möglich:

Stell Dir vor, Du ziehst in ein neue, eigene Wohnung ein. Du mußt Dir auch einen Teil des Hausrats neu anschaffen und einrichten. Auch hier muß erst mit der Zeit alles zusammenwachsen. Du stellst - vielleicht mehr zufällig - den einen Tisch links und die Truhe rechts hin, merkst aber nach einer Weile erst, daß Du besser an die Truhe kommst, wenn es sich andersherum verhält. Bis Du weißt, welches Geschirr und welche Küchenhelfer Du noch brauchst und wo Du sie am besten unterbringst, können noch Jahre vergehen. Und immer wieder sind es Unvorhersehbarkeiten, die Dich zwingen, mit dem, was Du bereits "zufällig" da hast, zu improvisieren oder Dir etwas neues anzuschaffen.

Viele Grüße, Bernhard

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von Gerhardus am Di. 26. November 2013 11:51:31


Hallo,
erst mal Danke für die Kommentare.
Personalisierung spüre ich nicht. Ich glaube, die entsteht vor allem durch subjektive Assoziationen.
Gefühlsmäßig erschrecken viele bei dem Wort "Entscheiden". Deshalb war ein Vertreter des kritischen Rationalismus so entsetzt über meine Vereinfachung von Poppers Formel, obwohl ich dasselbe einfacher sage.
Erwähnen möchte ich, dass das Zitat zur Literatur von Dacunha-Castelle einer Idee von Kolmogorow folgt. Von Kolmogorow kennen wir fast nur seine Axiome, kaum etwas über sein stochastisches Weltbild. Er war wohl die treibende Kraft, die Informationstheorie in die Schule zu bringen, was sich dann aber als viel zu schwierig erwies.

Vergessen habe ich in meiner Liste Ilya Prigogine. Den könnte ich ausführlicher zitieren, wenn das Urheberrecht nicht wäre. Hier ein kurzes Zitat aus "Günter Altner (Hg.) Die Welt als offenes System – Eine Kontroverse um das Werk von Ilya Prigogine, 1986, S. 182 ff. - Interview der Zeitschrift Dialektik mit Ilya Prigogine am 19.2.1982": "Evolution bedeutet vor allem, daß heute noch nicht gegeben ist, was sich morgen ereignet."

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von Bernhard am Di. 26. November 2013 19:50:21


Hallo Gerhard!

Dieses Zitat von Prigogine, das Du im letzten Kommentar aufführst, umfaßt genau das, was ich sagen wollte: ohne zufällig entstandene Entwicklungsalternativen wäre die Welt ein statisches und kein evolutives System.
Und ich kannte dieses Zitat nicht! (von wegen Urheberrecht… )

Viele Grüße, Bernhard


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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von IngridKamratowski am Fr. 29. November 2013 21:32:36


Zum Artikel „Alles Leben ist Entscheiden“ von Gerhardus

Ich glaube:
1.   Es herrscht das Gesetz von Ursache und Wirkung, auch wenn wir
     das in Einzelfällen nicht erkennen.
2.   Es gibt keine Zufälle.

2.   Entscheidungen sind nie „frei“, sie hängen immer von Ursachen
     und Wirkungen ab.

Zu 1 – Ursache und Wirkung
Jedes Ereignis, jeder Gedanke, alles kann eine Ursache sein. Alles hängt mit allem zusammen.
Die Kette von Ursache --> Wirkung (=Ursache)--> Wirkung (=Ursache) --> Wirkung usw. ist wie ein unsichtbarer Faden. Unzählige solcher Fäden ziehen sich durch das Weltgeschehen.
Sehr viele solcher Fäden können sich zu einem Knoten verknüpfen und lösen dann ein bestimmtes Ereignis aus. Das heißt, ein Ereignis hat nie nur eine einzige Ursache.

Zu 2 - Zufall
Jemand würfelt „zufällig“ eine 2.
Würde man die Lage des Würfels im Würfelbecher, seine kinetische Energie, seine Flugbahn durch die Luft, die Stärke und Richtung des Aufpralls auf der Tischplatte und weitere Daten genau erfassen können, würde man erkennen, warum diesmal eine 2 oben liegt.
Noch viel mehr Daten (Ereignisketten von Ursache --> Wirkung) fallen an beim Ermitteln der Lottozahlen. Nur weil man all diese Ereignisketten nicht kennt, spricht man einfach von „Zufall“.
Wenn man „zufällig“ einen Freund trifft, den man sehr lange nicht gesehen hat, führen auch in diesem Beispiel ganz viele Ereignisketten zwangsläufig zu diesem Zusammentreffen.

Zu 3 – Entscheidungsfreiheit
Jemand braucht einen warmen Schal und geht in ein Kaufhaus, wo Hunderte von Schals hängen und liegen.
1.Entscheidungsgrad: der Schal sollte warm sein, also fallen alle dünneren weg.
2.Entscheidungsgrad: Die Farbe soll ihm gefallen und zu seinem Mantel passen. Er wählt Rot.
3.Entscheidungsgrad: Die roten Schals haben verschiedene Strickmuster: glatt, gerippt, usw. Er wählt glatt.
4.Entscheidungsgrad: Die glatten Schals sind aus verschiedenem Material, fühlen sich seidig, kuschelig, rau an. Er wählt kuschelig.
5.Entscheidungsgrad: Er erinnert sich, dass er früher schon einmal einen ähnlichen Schal hatte, den er sehr gern getragen hat. Diese Erinnerung verstärkt das Ergebnis seiner Wahl.
6.Es gibt zwei rote, glatte, kuschelige Schals. Einer ist teurer als der andere. Weil er  nicht viel Geld hat, wählt er den billigeren.
Bei jeder Entscheidung geht er von dem aus, was ihm persönlich gefällt oder für ihn besser ist. Das ist jedes Mal die Ursache für die Wirkung Entscheidung.
                          -------------

Ich habe mich auch mit de Problem der Willensfreiheit beschäftigt.

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von Bernhard am Sa. 30. November 2013 19:25:43


Hallo Ingrid!

Das ist eben (auch) ein philosophisches Problem und hängt wohl u.a. ab von der Betrachtungs- oder Herangehensweise.
Meine These wäre eine "gesunde Mischung" von beiden.

Das Problem der Willensfreiheit sehe ich auf einer anderen Ebene.
Wenn man allein den Zufall quasi als Motor für Veränderung nimmt, dann ist meines Erachtens die vollkommene Willensfreiheit genauso wenig gewährleistet, wie wenn man alles auf Kausalität begründet.
Und konkret zu Deinem Beispiel: Wie willst Du kausal begründen, warum er die Farbe rot favorisiert und als am besten zu seinem Mantel passend empfindet? Natürlich könnte man hier nach kindlicher Prägung suchen, z.B weil seine geliebte Mutter immer rote Blusen getragen hat. Aber warum fällt ihm in dem Augenblick gerade nicht sein verhaßter Mathelehrer ein, der seine Arbeiten immer mit roter Tinte vollgeschmiert hat???

Die Kernfrage scheint mir eher zu sein, wie wirklich Neues geschaffen wird oder entstehen kann. Und ob und wie man immer einen Zusammenhang zu bereits vorhandenem herstellen kann. Dann wäre es nämlich keine echte neue Idee oder Kreation sondern nur eine Weiterentwicklung.

Aber ich gebe Dir recht, daß man bei früher vielem, wo man (noch) keinen Zusammenhang herstellen konnte, den Zufall "verantwortlich" gemacht hat, sich mittlerweile diese scheinbaren Brüche in der Entwicklung erklären kann. Wahrscheinlich ist auch heute noch bei vielen Sachen so. Aber bestimmt nicht bei allen.

Viele Grüße, Bernhard




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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von mint am So. 01. Dezember 2013 16:38:51


Aber gerade die Quantenmechanik hat doch gezeigt, dass es echten Zufall in der Natur gibt.

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von Hans-Juergen am So. 01. Dezember 2013 23:00:07


Hi,

auf der Suche nach einer Definition des Begriffs "Zufall", findet man nur, soweit ich bis jetzt sehe, Sätze, die mit "Vom Zufall spricht man, ..." oder "Wenn man vom Zufall spricht, ..." beginnen, vgl. z. B. den einschlägigen Wikipedia-Artikel. Dabei wird erklärt, was "zufällige" Ereignisse sind. Nun bedeutet aber das Adjektiv "zufällig" nicht dasselbe wie das Substantiv "Zufall" ebenso wenig wie "physikalisch" nicht gleichbedeutend mit "Physik" ist. (Es gibt noch mehr Beispiele dieser Art: mathematisch - Mathematik; glücklich - das Glück; regnerisch - Regen usw.)

Mich interessiert nun gerade das Substantiv "Zufall", wobei ich hoffe, nicht für einen Wortklauber gehalten zu werden. Ich frage deshalb nach einer Definition von "Zufall", weil man ja unter anderem sagt: "Das überlassen wir dem Zufall", "Der Zufall wollte es so ...", "Der Zufall regiert (die Welt, das Leben, ...)".

Bei dieser Sprechweise wird so getan, als ob der Zufall eine Art Macht darstellt, eine allgemeine Ursache oder Ähnliches, nicht leicht Faßbares.

Eine solche Personalisierung, wie ich sie nannte (und wie sie besonders stark bei der Natur anzutreffend ist), nur als "subjektive Assoziation" abzutun, erscheint mir zu einfach. Vermutlich steckt mehr dahinter, gibt es einen Grund dafür, daß man sich so ausdrückt - nur weiß ich nicht, was es ist und worin dieser bestehen könnte.

Wenn hier in diesem thread geschrieben wurde, daß es den Zufall nicht gibt (oder doch), kann es sein, daß das nur eine andere sprachliche Form für das jeweils Gemeinte ist und sich auf das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein zufälliger Ereignisse bezieht. Daß jedoch, wie oben erwähnt, der Zufall etwas "will" und "regiert", daß wir ihm eine Entscheidung "überlassen", wird davon nicht berührt und geht tiefer.

Mit freundlichem Gruß,
Hans-Jürgen

 


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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von Bernhard am Mo. 02. Dezember 2013 00:01:18


Hallo Hans-Jürgen!

Ich glaube, Du nennst die Lösung auf Deine Frage bereits selber:

Vermutlich steckt mehr dahinter, gibt es einen Grund dafür, daß man sich so ausdrückt - nur weiß ich nicht, was es ist und worin dieser bestehen könnte.

Oft scheint es mir nämlich gerade das Nichtwissen oder Nochnichtwissen zu sein, das den Menschen dazu treibt, eine "höhere Macht" in irgendeiner Personalisierten Form zur Erklärung heranzuziehen. Weil fehlende Erklärungen ein Eingeständnis von Unfähigkeit oder gar Versagen bedeuten würden. Dann zieht man lieber eine vor, die plausibel klingt, aber unbewiesen ist und sich womöglich später als falsch herausstellt. Ob das jetzt Deutungen mystischer oder religiöser Art sind oder eben der Zufall hängt wohl auch von der Kultur, der Epoche, dem gesellschaftlichen Umfeld, den wissenschaftlichen Grundlagen und den Neigungen des Forschers selber ab.
Ein schönes klassisches Beispiel ist Blaise Pascal, der den Zufall quasi vergöttlichen wollte und seine Wahrscheinlichkeitstheorie zum Gottesbeweis verwendete.

Viele Grüße, Bernhard

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von mint am Mo. 02. Dezember 2013 18:41:24


Wenn es weder praktisch noch theoretisch möglich ist ein bestimmtes Ereignis vorherzusagen ist dieses für mich Zufall. Z.B. wo ein einzelnes Photon auf dem Schirm hinter dem Doppelspalt auftreten wird.

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von feelz am Di. 03. Dezember 2013 13:09:43


Hans-Hürgen, lass es mich so erklären:

Personalisierungen sind ein sprachliches Mittel, mit deren Hilfe wir Objekte veranschaulichen können. Nun könnte man sicher einwerfen, wieso man Objekte, die nun mal Objekte sind, veranschaulichen muss, wenn man sie ohnehin betrachten kann (zwar aus einer subjektiven Perspektive, aber irgendwie sind sie auf irgendeine weise "erfassbar", obs sensorisch oder messtechnisch erfolgt, ist dabei nicht zwangsweise erheblich).
Nun frage ich dich: Ist der Zufall ein Objekt?
Zugegeben, die Frage ist tricky, den sie setzt ein gewisses Maß an Definition voraus.
Aber wenn ich nach Objekten frage (auf nichts anderes bezieht sich eine Personalisierung), dann löst sich vorangehender Knoten auf! "Messen" wir Zufall? Sicherlich nicht. Er taucht in unseren Messungen auf, ja, als Abweichung der Erwartung, aber das sind keine gezielten "Zufallsmessungen". Selbiges gilt für die Wahrnehmung. Kann, wenn es um den Zufall geht, also von einem Objekt die Rede sein?
Der Zufall wird also folglich auch nicht personalisiert, zumindest nicht sofort. Das mag zwar auch nach Wortklauberei klingen, aber jetzt sage ich folgendes:
Der Fehler, in der Betrachtung, liegt darin,dass das Wort "Zufall" so in unsere Sätze verwurschtelt wird, das wir den Begriff dahinter (Begriff = Die Vorstellung hinter einem Wort) als ein Objekt betrachten, das sich, gemäß unseren Satzstrukturen (der Grammatik) eben so verarbeiten lässt wie Sätze der Form "Peter zieht eine Karte". Nun verleitet unsere Sprache uns dazu zu behaupten, sie (die Sprache) konfiguriert ihre Satzbestandteile (Wörter und ihre Begriffe) so (gemäß Semantik und Grammatik), wie die Dinge in der Welt zueinander konfiguriert sind.
Dies ist im allgemeinen jedoch nicht richtig.
Das verleitet uns, im Falle des Zufalls, zu behaupten, der Zufall sei doch etwas, was irgendwie in der Welt zu finden sei, es könnte ihr ja sogar zu Grunde liegen. Das ist jedoch ziemlich kompliziert und ehe man sich versieht, versucht man Jahre seines Lebens diesen Zufall irgendwie zu entdecken, zu bennennen o.ä und kommt auf keine Lösung, macht sich den Kopf kaputt, nur weil einem die Sprache möglicherweise vorgegaukelt hat, es wäre etwas "da".
Es gibt Wege, da rauszukommen, wie es Wege gibt, es freiwillig nicht zu tun. Das muss jeder für sich entscheiden.
Ich halte dies jedoch für eine bessere Begründung (sicherlich streitbar) als fast schon plump die "übernatürliche" Schiene zu fahren, dass wir "unbegreifliches" nun mal verzehrbar machen müssen etc. Unser Sprachgebrauch liegt doch irgendwie näher, fidnest du nicht?

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von Gerhardus am Di. 03. Dezember 2013 15:45:26


Bislang wurde nur die Zufälligkeit diskutiert, und ich finde alle Beiträge hochinteressant.
Im Stochastikunterricht hören wir, dass es den Zufall nur in der Form der Wahrscheinlichkeit gibt. Das führt zu dem Unsinn, dass wir von "Experten" verlangen, jedem nur denkbaren Ereignis eine Wahrscheinlichkeit zu geben, mit der Folge, dass wir das Auftreten einmaliger Ereignisse (Katastrophen) unterschätzen.
Viel verblüffender finde ich aber die Definition von Information und der Fakt, dass uns das unter letztem Abschnitt E. Dargebotene kaum weiterbringt, und wir den Mangel an Definition gar nicht merken. Ich halte die Ansichten von Kolmogorow und Shannon für ganz wichtig, weil sie die Aspekte Information, Zufälligkeit und Entscheidung verbinden. Wenn eine Information nur im Kontext mit Entscheidungssituationen sinnvoll wird, wissen wir, worauf zu achten ist, wenn Informationen weitergegeben werden.
Der Satz von Empedokles, wonach der Zufall die Quelle des Denkens ist, wird mich noch beschäftigen.
   

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von Hans-Juergen am Mi. 04. Dezember 2013 00:32:18


Hallo feelz,

weil Du mich direkt ansprichst, will ich noch einmal versuchen zu erklären, was ich meine.

Zunächst aber: die Frage am Ende Deines Beitrags "Unser Sprachgebrauch liegt doch irgendwie näher, findest du nicht?" verstehe ich nicht. In wessen Namen sprichst Du, wenn Du "unser" schreibst?

Mir selber geht es, wie bereits oben gesagt, um solche Ausdrucksweisen: "Wir überlassen es dem Zufall.", "Der Zufall wollte es, ...", "Der Zufall regiert ...". Konkret gehst Du darauf nicht ein.

Gewöhnlich werden sie in der Alltagssprache verwendet; doch gibt es Ähnliches auch in wissenschaftlichen Bereichen. So zum Beispiel, wenn bei der Evolution gesagt wird, daß der Zufall darüber "entscheidet", welche von sich ihr bietenden Möglichkeiten "sie" wählt. (Auch hier wieder eine nicht zu übersehende Personalisierung!)

Ich meine, hinter solchen Sprechweisen muß doch etwas stecken: nahe liegt der Gedanke an etwas Wesenhaftes, Wirksames, das nicht einfach nur ein "Objekt" ist.

Wenn es diese bildhafte Vorstellung nicht gäbe, und sei sie noch so vage, würde man nicht so reden. Sie ist nicht selten, sondern im Gegenteil verbreitet, auch in der Mathematik, bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Beim Würfeln, sagt man, "herrscht" der Zufall.

(Dafür, daß der Zufall nicht nur das Verhalten des Würfels "beherrscht", sondern die Welt, gibt es sogar ein besonderes Wort: Tychismus, vgl. z. B. hier. Es stammt von dem amerikanischen Mathematiker, Philosophen und Logiker Peirce, den Popper als „einen der größten Philosophen aller Zeiten“ betrachtet haben soll.)

Soviel für den Moment. Ich grüße Dich.
Hans-Jürgen




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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von Bernhard am Mi. 04. Dezember 2013 00:47:05


Hallo feelz!

Personalisierungen sind ein sprachliches Mittel, mit deren Hilfe wir Objekte veranschaulichen können. Nun könnte man sicher einwerfen, wieso man Objekte, die nun mal Objekte sind, veranschaulichen muss, wenn man sie ohnehin betrachten kann (zwar aus einer subjektiven Perspektive, aber irgendwie sind sie auf irgendeine weise "erfassbar", obs sensorisch oder messtechnisch erfolgt, ist dabei nicht zwangsweise erheblich).
Ich glaube, Du sprichst da eine wichtige Sache an.
Man kann eben nur eine Person für etwas verantwortlich machen oder allgemein etwas faßbares, benennbares, was selber aktiv werden kann - eben personenähnlich.
Und wenn man sich etwas vorstellen soll oder will, dann muß das Ding einen Namen haben.
Man spricht nicht ohne Grund in der Juristerei von "Personen öffentlichen Rechts", auch wenn es sich nicht um individuelle Personen handelt, aber sie einen gewissen Status der Erfaßbarkeit und Haftbarkeit erfüllen.

@ Gerhard:
Der Zusammenhang von Information, Zufall, Entscheidung und Entropie ist eine faszinierende Geschichte und das letzte Wort scheint danoch nicht gesprochen zu sein. Vor Jahren kam im Spektrum der Wissenschaft mal ein hochinteressanter Artikel "Warum Shannons Theorie eigentlich keine Informationstheorie ist".
Ich werde mal schauen, ob ich den wiederfinde.

Viele Grüße, Bernhard


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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von feelz am Mi. 04. Dezember 2013 17:44:28


Lieber Hans-Jürgen,

Danke für deine Erklärung, ich denke, jetzt kann ich mir sicher sein, dass ich dich bereits verstanden hatte.
Mein Beitrag ist als Erklärung für dieses Verhalten aufzufassen, dass dich wundert.
Das Problem solcher Personalisierungen (wenn auch die Personalisierung lediglich folgende eines größeren Problems ist) liegt in der falschen Vorstellungen der Satz sei so angeordnet, wie die Dinge in der Welt zueinander angeordnet sind. Wenn "Peter neben dem Stuhl steht", dann solle das angeblich implizieren, eine echte Person Peter stehe links oder rechts von einem Stuhl. Wenn wir abstrakte Wörter wie "Zufall" in solch einen Satz packen, können wir dazu verleitet werden, der Zufall sei tatsächlich irgendwo "da". Zur Personalisierung fehlen an diesem Punkt nicht mehr viele Schritte.
Ich hoffe mein Anliegen ist diesmal klarer formuliert.

MfG

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von McLuhmann am Fr. 06. Dezember 2013 12:05:08


Schalom,

auf diese Diskussion, die ja schon lange durch die philosophieaffinen Bereiche der Wissenschaft geistert, zu denen freilich auch die Philosophie selber gehört (soweit sie sich als Wissenschaft versteht), gibt es meines Erachtens nach eine besonders interessante Perspektive.

Bevor ich mich der "Mathematik" (Lehramt Realschule) zugewandt habe, konnte mich im Rahmen eines kulturwissenschaftlichen Studiums intensiv mit der soziologischen (luhmannschen) Systemtheorie auseinandersetzen, die in dem Artikel ja auch anzitiert wurde.


Vorab eine kurze Skizze dieser soziologischen Theorie, die sich - das sei vorab gesagt - an keiner Stelle anmaßt, den mathematisierten Naturwissenschaften irgendetwas vorzuschreiben oder erklären zu wollen:  

Die Ausgangsfrage dieser Theorie lautet: "Wie ist soziale Ordnung möglich - also: was sind die Bedingungen der Möglichkeit für soziale Ordnung, für Struktur, für Erwartbarkeiten, für Negentropie im Bereich des Sozialen?" Also in dem Bereich, in dem Handeln, etc. immer auf das Handeln anderer bezogen ist. Wie z.B. das schreiben der folgenden Ausführungen.

Die Grundthese dieser Theorie ist, dass die Gesellschaft nicht aus Menschen, (oder: psychischen Systemen) "besteht", sondern aus einer speziellen Operation - dem selbstbezüglichen Kommunikationsprozess. Diesen Prozess kann man sich ganz gut als rekursive Funktion vorstellen. Der Output der vorausgegangenen Kommunikation ist der Input der darauf folgenden, die ihrerseits Nachfolger haben wird, etc.. Durch dieser Vernetzung und Rekursivität entsteht ein sogananntes operativ geschlossenes System - die Gesellschaft, die per Definition nur aus Kommunikationen "besteht", die aus Kommunikationen hervorgehen und neue Kommunikationen provozieren.  

Operativ geschlossen meint u.a., dass keine Gedanke, keine Zellen, etc. in der Kommunikation sind, sondern nur von sprachfähigen psychischen Systemen geäußert werden können, was aber ein (entscheidender) Unterschied ist. In jeder Kommunikation, die freilich auf Menschen (i.e. psychische Systeme) angewiesen ist, weil sie sonst nicht laufen würde, wird eine Differenz zwischen Mensch (den Gedanken des psychischen Systems) und Gesellschaft (Kommunikation) gezogen und laufend reproduziert.

Man könnte also sagen, dass diese Differenz die Bedingung dafür ist, dass immer weiter Kommuniziert wird, weil es immer Unterschiede gibt zwischen dem, was jmd. gemeint hat und dem, wie es verstanden - i.e. wie darauf kommunikativ reagiert - wurde.


Wenn man die eben formulierten Aussagen als wahr s e t z t, dann wären die von Gerhards formulierten Thesen der Versuch, im Rahmen der die wissenschaftliche Kommunikation definierenden Unterscheidung wahr/falsch zu formulieren, was da draussen, was also ausserhalb der Kommunikation los ist. Das meines Erachtens nach besonders Interessante ist der triviale Umstand, dass dabei "nur" kommuniziert wird. Auf dem Bildschirm befinden sich keine Quanten, etc., sondern in Schrift formulierte Wörter, die auf das Bezug nahmen, was z.Zt. zur externen Welt, den Quanten, zum Informationsbegriff (als immer auch anders mögliche Selektion) sagbar ist.

Und worum es dann noch geht, ist die Initialfrage, wie soziale Ordung (nicht zu verwechseln mit Harmonie) möglich ist? Die Antwort darauf gibt beispielsweise diese Diskussion als die Reproduktion der Grenze zwischen sinnhafter (kommunikativer) und physikalischer Welt.

Gruß,
McLuhmann

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von Hans-Juergen am Fr. 06. Dezember 2013 18:59:18


Horatio Vonsenf schreibt in seinem Buch Wie sie reden: "Die rekursive Redundanz der öffentlichen wie privaten Kommunikation hängt vom Willen des Einzelnen, seinen sensorischen, insbesondere auditiven, und lingualen Potentialen ab und kann einerseits zur Nubilisierung des Expressivums, andererseits aber auch zur Kreation neuer Konnexionen führen."

 

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von gonz am Sa. 07. Dezember 2013 12:16:56


Dazu noch eine kurze Anmerkung (ich verfüge da leider nur über eine "solide Halbbildung"):

Die Möglichkeit der Kommunikation besteht ja wieder aufgrund der Existenz eines (physikalischen) Kanals, so wir nicht annehmen, dass (Leibniz) Monade zu Monade spricht. Ich fand da Marshall McLuhan sehr erhellend, der untersucht hat, wie sich Eigenschaften dieses Kanals auf die Kommunikation auswirken: ein - freilich sehr verkürzendes, aber bekanntes und wie ich finde treffendes - Zitat von ihm : "The Medium is the Message".

"Wenn eine Technologie unsere Sinne in die soziale Welt ausdehnt, werden sich neue Verhältnisse zwischen allen unserer Sinne ergeben." (aus "Gutenberg Galaxis", ich habs nicht nachgeschlagen, noch ein Buch, das ich mal wieder hervorkramen sollte)

Damit schliessen sich immer wieder Kreise, von denen Carl Friedrich v. Weizsäcker als dem "hermeneutischen Zirkel" spricht, wobei ich nicht bewandert genug bin, um zu wissen, ob das ein sauberer Begriff auch aus Sicht der Philosophie ist.

Ein schönen Wochenende wünscht
gonz

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von AliceC am So. 08. Dezember 2013 15:50:40


Hallo Gerhardus,


Ich glaube an die Existenz des Zufalls, weil wir sonst vieles gar nicht erklären können. Wozu bräuchten wir ein Gehirn, wenn alles deterministisch vorherbestimmt wäre?

Wie mint bereits erwähnt hat, sagt die Quantenmechanik ja in der Tat, dass Zufall existiert. Dein Argument verstehe ich allerdings nicht. Wieso sollten wir kein Gehirn brauchen, wenn alles vorherbestimmt wäre?

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von Bernhard am Mo. 09. Dezember 2013 00:56:05


Hallo Alice!

Darin gebe ich Dir recht. Selbst wenn wir ja sicher wissen würden oder beweisen könnten, daß alles vorherbestimmt und berechenbar ist, so bräuchten wir das Gehirn ja immernoch, um ebendiese Berechnungen auszuführen.
Aber allein die Erkenntnis, daß wir nicht sicher sagen können, ob alles determiniert, berechenbar rein zufällig oder eine Mischung davon ist, zeugt doch von der Verwendung unseres Denkapparates.

► Wir denken, also sind wir!

Viele Grüße, Bernhard



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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von Gerhardus am Mo. 09. Dezember 2013 16:51:37


Den beiden letzten Kommentaren möchte ich widersprechen. Weshalb sollten wir dann denken? Der schönen Gedanken wegen? Das können wir tun und so sieht es manchmal aus, aber auch dann entscheiden wir uns für ein Problem, wenn auch für ein fiktives.
Volksentscheide zeigen doch, dass viele Menschen über ein Thema erst dann gründlich nachdenken, wenn sie entscheiden dürfen. Die Förderung des Diskutierens und Nachdenkens ist ein Nutzen von Volksentscheiden.
Auch auf dem Matheplanet habe ich schon die Antwort vernommen: Über das, was ich eh' nicht entscheiden kann, mache ich mir keine Gedanken. Weil es gut tut, lädt man seinen Frust ab, ohne die Ursache wissen zu wollen, im Glauben, nichts ändern zu können.

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Re: Alles Leben ist Entscheiden
von AliceC am Mo. 09. Dezember 2013 19:56:39


Wenn ich Dich richtig verstehe, beruht deine Sichtweise auf der scheinbaren Inkompatibilität zwischen Determinismus und freiem Willen.
Ich habe allerdings das Gefühl, dass Du zwei ziemlich verschiedene Fragestellungen vermischt:

1. Ist es denkbar, dass sich in einem deterministischen Universum intelligentes Leben entwickelt (sprich: Gehirne oder etwas funktional äquivalentes)?
2. Wenn wir wüssten (oder dächten), dass wir in einem deterministischen Universum lebten, würden wir überhaupt noch Entscheidungen treffen wollen, wo die Folgen doch sowieso vorherbestimmt sind?

Zu der ersten Frage: Wieso denn nicht? Unser Gehirn hat sich entwickelt, da es uns hilft die für das Überleben richtigen Entscheidungen zu treffen. Dazu ist doch gerade ein gewisser Grad an Determinismus notwendig. Was brächte das Gehirn, wenn die Folgen unserer Entscheidungen sowieso nicht absehbar sind?

Zu der zweiten Frage: Für mich würde es jedenfalls keine Rolle spielen, wenn das Ergebnis eines Doppelspaltexperiments theoretisch vorhersagbar wäre. Ich hätte nicht weniger das Gefühl einen freien Willen zu besitzen. Wenn ich am Straßenrand stünde und ein Auto würde vorbeifahren, würde ich dennoch die Entscheidung treffen stehen zu bleiben. Diese Entscheidung wäre dann eben vorherbestimmt (und es ist wohl ziemlich unwahrscheinlich, dass die Quantenmechanik etwas daran ändert). Na und?

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