Mathematik als moderner "Stein von Rosetta"
Von: trunx
Datum: Di. 24. Oktober 2017 14:07:11
Thema: Bildung


Hallo Freunde der Zahlenkunst,

seit langem, vielleicht auch altersbedingt, beschäftigt mich der Gedanke, wie bei einem Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation unser bisheriges Wissen archiviert und für sehr lange Zeiträume aufbewahrt werden könnte (als Einstieg siehe hier).
Ich möchte gar nicht diskutieren, ob die Zivilsation vor einem Zusammenbruch steht oder nicht, ob dies, bei Bejahung, dann auch akut ist oder noch viele 100 oder gar tausende Jahre dauert. Meine Prämisse für die folgenden Überlegungen ist die grundsätzliche Vergänglichkeit allen Seins.

Von frühen Zivilisationen ist meist nur das übrig geblieben, was buchstäblich in Stein gehauen (oder in Ton gebrannt, auf Papyrus oder Eselshaut/Pergament geschrieben) wurde. Es gibt mehrere Verlustursachen für das auf verschiedensten Datenträgern gespeicherte Wissen:
- Wissen wurde auf zu schnell vergänglichen Material fixiert
- Datenträger wurden durch Unglücksfälle zerstört
- Datenträger wurde vorsätzlich vernichtet
- Wissen wird nicht mehr verstanden.

Beispiele dafür sind aus alter Zeit die schriftliche Fixierung auf ungebranntem Ton, oft sind diese Datenträger nur dadurch überliefert, dass die Aufbewahrungsorte brannten und so der Ton gefestigt wurde. Wieviele dieser Datenträger sich zB. durch Regenwasser wieder auflösten, ist naturgemäß ungewiss.

Desweiteren dürfte einigen der sog. Bücherverlust in der Spätantike bekannt sein. Und zuguterletzt gibt es überdauerte Datenträger, deren Inhalte nicht mehr verstanden werden, wie zB. der Diskos von Phaistos, Dokumente in Linearschrift A oder die Schriften auf den Osterinseln, um nur die Bekanntesten zu nennen. Lange Zeit waren auch das Altägyptische, die Hieroglyphen oder die Maya-Schrift unlesbar.

Für die heutige Zeit muss man etliche Parallelen feststellen. Der Buchdruck auf säurehaltigem Papier macht Bücher aus diesem Material grundsätzlich leicht vergänglich. In 100-200 Jahren dürfte davon kaum etwas mehr existieren. Die Digitalisierung "rettet" altes Wissen auch nur scheinbar - Datenträger wie CD's halten schon mal keine 10-50 Jahre mehr (siehe hier). Dazu kommt, dass Dateiformate einem schnellen Wandel unterliegen, sd. elektronische Daten auf älteren Trägern zB. der 60er Jahre nicht mehr lesbar sind. Und mutwillige Zerstörung gibt es nach wie vor.

Es gibt ein Projekt "Memory Of Mankind", dass Abbildungen musealer Kulturgüter sowie alltagskultureller Erzeugnisse auf Steinzeugplatten mittels keramischer Farbkörper aufbrennt und diese in Kammern im Salzberg von Hallstatt einlagert.

Das ist prinzipiell eine gute Idee, dennoch wäre auch hier meine Sorge, dass diese Platten leichter mutwillig zerstört werden könnten, aber vor allem, dass sie nicht wirklich relevantes Wissen adäquat speichern können.

Für mich persönlich gibt es eigentlich nur einen sicheren Speicherort und das ist der Mond. Ich stelle mir vor, dass auf dem Mond fahrbare 3D-Drucker unter Verwendung lunaren Materials Steinplatte um Steinplatte fertigen (siehe dazu ESA testet 3D-Drucker für den Bau einer Mondbasis) und geordnet ablegen.

Daher stellt sich also eigentlich nur noch die Frage, was genau sollte auf diesen Platten wie gespeichert werden, uz. so, dass auch noch nach zig tausenden Jahren diese Inhalte erschlossen werden können und doch von unserem Leben hier und heute erzählen.

Fast immer wurden zuerst Zahlen, Zahlenangaben, Kalender uä., ich sage mal mathematische Daten entschlüsselt. Deshalb denke ich mir, dass auf den ersten dieser Langzeit-Archiv-Mond-Platten unser mathematisches Wissen kodiert dargestellt werden sollte. Vielleicht kennt noch der Eine oder die Andere das hervorragende Buch von D. Hofstadter "Gödel, Escher, Bach" (siehe hier bei Amazon), in dem mittels der Kodierungen der Typographical Number Theory (TNT) einige einfache mathematische Sätze ausgehend von simplen Axiomen formuliert und auch bewiesen wurden.

Meinem Gefühl nach könnten die so zunächst mathematisch motiviert eingeführten Symbole, die eben auf Grund ihres logischen Charakters erschliessbar sind, dann vielleicht auch im Weiteren eingesetzt werden um anderes, eher prosaisches Wissen der Literatur, der Philosophie usw. zu kodieren.

Mathematisches Wissen, kodiert auf Steinplatten, könnte also zugleich als moderner "Stein von Rosetta" fungieren.

Was denkt ihr dazu?

bye trunx


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