Mathematik: Nachprüfung - ein Sommertränen-Albtraum
Released by matroid on Di. 19. Juni 2012 12:58:03 [Statistics]
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Bildung

\(\begingroup\) Nachprüfung - ein Sommertränen-Albtraum Der 13-jährige Peter musste in den Sommerferien für die Nachprüfung in Mathematik üben. Vielen Schülern ergeht es ebenso, ein Üben mit ungewissem Ausgang.

Neulich habe ich wieder meinen Dorfelder Freund Kurt besucht, der Mathe-Nachhilfe gibt und, wie es seine Art ist, gleich anfing zu dozieren: „Aus Sicht des Lehrers gibt es kaum Berichte über Nachhilfe und doch etliche Probleme. Das Schwierigste ist wohl, den Schüler zu verstehen, wie er tickt. Glaube ja nicht, die Eltern wüssten das oder gar seine Lehrer. Wie war ich verblüfft, als eine Mutter mir vorhielt: ‚Sie müssen doch meinen Sohn bei soviel Nachhilfe kennen!’ Das zweitgrößte Problem ist, den psychischen Druck und die Angst abzubauen, den Stress zu besiegen, Selbstvertrauen zu schaffen. Das dritte Problem ist, zu erkunden, was genau in den Prüfungen erwartet wird und was nicht. Das vierte Problem ist, durch geeignete Übungen zu erkunden, was kann der Schüler, wo ist er abzuholen, wie anzusprechen? Das fünfte Problem ist, mit dem Schüler den Dialog anzufangen, um den Stoff zu erklären. Von großem Vorteil ist es aber, das gleiche Lehrbuch wie der Schüler zu haben.“ Dann erzählte Kurt: „Gestern fragte mich doch ein Vater, ob ich seinen Sohn für die Nachprüfung schulen könnte. Ich habe ihm gesagt: ‚Wissen Sie, Ihr Sohn wird voraussichtlich 100 Jahre alt, wird bis zum 70. Lebensjahr arbeiten dürfen. Warum der G8-Stress und der erste Burn-out zum Abitur? Geben Sie Ihrem Sohn einfach mehr Zeit! Ohne Freude keine Mathematik, Stress passt absolut nicht zu ihr.’“ „Aber Kurt, du bist doch sonst so gutmütig…“ „Kennst du meinen Erlebnisbericht über die Nachprüfung?“ „Ja, habe ich gelesen. Letztes Jahr habe ich dich bereits gefragt: Willst du das nicht mal veröffentlichen?“ „Keiner will solche peinlichen Banalitäten lesen… Das dürfte auch der Grund sein, weshalb über Nachprüfungen nicht geschrieben wird. Selbst im Fall des Erfolgs war sie eine Zeit des Zitterns und ihre schmerzlichen Spuren werden, wenn überhaupt, erst Jahre später bewusst, wenn sie immer wieder stören.“ „So wie die Deutschlehrerphobie eines Kollegen. Immer, wenn er einer Deutschlehrerin begegnete, durchzuckte ihn eine Angst vor einem mentalen Schlag, der aber nicht kam. Auf der Suche nach der Ursache fiel ihm wieder der Pädagogenzorn ein, dem er erfolgreich widerstanden hatte, ohne die psychischen Folgen zu ahnen.“ „Die mit solchen Kämpfen verbundenen Ängste, die in der Schule erworbenen Phobien können einen Menschen ein Leben lang quälen.“ Zu guter Letzt hat Kurt eingewilligt, den Bericht mit verfremdeten Daten zu publizieren, um das Problem der Nachprüfung bewusst zu machen. Hier nun Kurts Bericht: Protokoll einer Nachprüfung Vorbereitung Ende Juni. Hilferuf einer verzweifelten Mutter aus meinem Dorf: Ihr fast 13-jähriger Sohn Peter muss eine Nachprüfung in Mathematik bestehen, um in die 7. Klasse des nächstgelegenen Gymnasiums (8-jährig) versetzt zu werden. Ich überlege, ob ich helfen soll, denn eigentlich ist die Oberstufe meine Zielgruppe. Für die Nachhilfe von unteren Klassen gibt es genügend Oberstufenschüler. Aber in den Ferien auch? Sind da nicht die meisten Schüler auf Reisen? Ein befreundeter Lehrer meint, dreimal pro Woche müsste man schon üben. „Dreimal pro Woche“, denke ich, „das wird teuer!“ Wenn ich die üblichen 20 Euro Mindestlohn pro Unterrichtsstunde verlange, wird das den Schock für Eltern und Kind noch vertiefen. Was soll ich tun? Meinem Grundsatz folgend, jedem zu helfen, der mich um mathematischen Rat fragt, lade ich Mutter und Kind zur ersten Besprechung ein. In der Stadtbücherei finde ich zwei Mathematik-Lehrbücher der 6. Klasse, zum Glück ist das eine davon exakt das Lehrbuch, das auch Peter benutzt. So kann ich mich über den erforderlichen Stoff gut informieren und habe mit Peter eine gemeinsame Arbeitsgrundlage. „Peter ist viel zu unruhig und zu durcheinander, er kann sich nicht konzentrieren, hat keine Ausdauer, kriegt nichts fertig, weil er jedes Mal schon bei der nächsten Sache ist. Alles muss bei ihm schnell, schnell gehen, deshalb macht er so viele Fehler“, klagt die Mutter. Die Schule erklärte Ende Juni in einer E-Mail: „Hallo, Frau und Herr Kehl! Die Nachprüfungen finden am Mittwoch, dem 19. (schriftlich) und Donnerstag dem 20. August 2009 (mündlich) statt. Die schriftliche Prüfung dauert 45 Minuten und sollte sich auf Essentials beziehen. Geprüft wird in der Regel nicht durch den eigenen Mathelehrer, sondern durch einen anderen Kollegen, der aber die Aufgaben in Absprache mit dem Mathematiklehrer stellt. Die mündliche Prüfung findet vor 3 Kollegen statt, dem Vorsitzenden, dem Protokollanten und dem Prüfer, und dauert etwa 20 Minuten. Danach wird die Gesamtnote aus schriftlich und mündlich festgestellt und unmittelbar danach mitgeteilt. Ist die Gesamtnote mindestens ausreichend, wird die Versetzung ausgesprochen und der Schüler erhält ein neues Zeugnis…“ Peters Mathelehrer hatte den Eltern zuvor geraten, ein ergänzendes Aufgabenheft zum Lehrbuch zu kaufen, und dann gemailt: „Hallo Frau und Herr Kehl, Schwerpunktthemen sind die Bruchrechnung und Prozentrechnung. Die Geometrie des 6. Schuljahres (Inkreis, Umkreis, Dreieck) wird auch dabei sein, aber eine Nebenrolle spielen. Wahrscheinlichkeitsrechnung wird nicht geprüft… Wenn Peter das Aufgabenheft zusammen mit dem Buch (für weitere Erklärungen) bearbeitet, so erachte ich das als sinnvoll und ausreichend.“ Peter soll in den großen Ferien die zahllosen Aufgaben eines Matheheftes durcharbeiten! Kann es eine schlimmere Fron, eine härtere Strafe für einen 13-jährigen geben, als die schönste Zeit des Jahres mit Aufgaben zu verbringen, die ihm schon vorher zuwider waren? Zum Glück habe ich eine gut strukturierte Aufgabensammlung von Helmut Postel im Bücherregal, die für die systematische Übung des Mathematikstoffes sehr geeignet ist. Ich schlage daher vor, sich auf die dort aufgelisteten Übungen zu konzentrieren. Parallel dazu kann Peter noch Aufgaben aus dem Aufgabenheft bearbeiten. Die Mutter lässt mich mit Peter zurück, und ich gebe ihm als Einstieg auf, Aufgaben über Maßeinheiten und ihre Umwandlung zu bearbeiten. Das klappt bis auf ein paar Fehler ganz gut. Dabei fällt mir auf, dass Peter gern und relativ gut im Kopf rechnet. Peter sagt: „Kopfrechnen macht mir Spaß, auch Mathematik macht mir Spaß. Leider wird Mathematik in der Schule nicht erklärt. Mein letzter Mathe-Nachhilfelehrer konnte gar nicht im Kopf rechnen, der brauchte selbst für 38 minus 23 einen Taschenrechner.“ Peter gefällt mir. Die Freude am Kopfrechnen verbindet uns. Ich gebe ihm fürs nächste Treffen die nächsten Übungen aus meiner Aufgabensammlung auf, und dann holt ihn seine Mutter wieder mit dem Auto ab. „Wie war’s denn? Schafft er es? Reichen zwei Treffen pro Woche aus?“ will sie wissen. Ich schildere ihr den Verlauf der Stunde und lobe Peters Kopfrechenkunst. „Ja, er macht immer alles ganz schnell und dann ist es falsch!“ schüttelt die Mutter den Kopf. Peter grinst. Ich bitte ihn, zum nächsten Termin seine Klassenarbeiten mitzubringen, weil ich mir ein genaueres Bild von ihm machen will, und weil die anstehende Klausur vermutlich ein Querschnitt der alten Klausuren sein wird. „Was nehmen Sie für die Stunde? Was müssen wir Ihnen denn bezahlen?“ Ich antworte kühn: „Ich kann Ihnen das nicht sagen. Das überlasse ich Ihnen. Entscheiden Sie, wie viel Sie dafür bezahlen wollen. Die erste Stunde mache ich sowieso gratis. Da geht es erst einmal ums Kennenlernen, ob wir überhaupt zusammen arbeiten können.“ Verdutzt fährt die Mutter mit ihrem Sohn heim. Später meint sie: „Die vorherige Nachhilfe, ein Schüler, hat 10 Euro für die Stunde genommen, das geben wir Ihnen dann auch.“ Ich nicke zustimmend und denke: „Worauf hast du dich da eingelassen? Hoffentlich geht das gut!“ Fortschritte „Peter soll sich in den Ferien ausreichend bewegen, mit seinen Freunden Sport treiben, keine Computerspiele!“ empfehle ich seiner Mutter. Sie meint: „Ausreichend Bewegung hat er, davon können Sie ausgehen. Peter ist ein absolutes Bewegungstalent: Fußball, Tennis, Inliner… und das praktiziert er auch ausreichend…“ Die nächsten Treffen laufen relativ problemlos. Peter bearbeitet die Aufgaben, fragt, was unklar ist. Ich erläutere, was er besser machen kann, wie er seine Ergebnisse kontrollieren kann. Ein guter Kopfrechner hört nicht mit dem ersten Ergebnis auf, sondern kontrolliert es durch eine alternative Rechnung. (Opfern die Schüler deshalb das Kopfrechnen dem Taschenrechner, weil sie letzteres nicht lernen?) Ich lobe seine Begabung. Peter sagt, er werde nicht mit der Familie in Urlaub fahren, sondern hier bei seinen Großeltern bleiben und mit mir Mathematik machen. Ich erwidere, ich wolle auch wegfahren. Die Rücksprache mit seiner Mutter ergibt, das war nur „ein kleines Druckmittel, damit er endlich aufwacht, da es in der Schule absolut nicht lief… Natürlich fährt Peter mit und wird das Aufgabenheft mitnehmen. Schaffen Sie denn die Prozentrechnung bis zum 18. Juli?“ Optimistisch antworte ich ihr per E-Mail: „Guten Morgen Frau Kehl, Peter hat ja ganz gut angefangen und ich hoffe, dass sein Eifer und Ehrgeiz nicht nachlässt… Am Montag haben wir seine Aufzeichnungen zum Bruchrechnen besprochen, also alles das, was er bearbeitet hat. Er hatte hauptsächlich die Aufgaben aus meinen Kopien gemacht, weniger die aus dem Aufgabenheft… Im Rahmen des Kürzens, Erweiterns und Gleichnamig-Machens von Brüchen haben wir über ggT (größter gemeinsamer Teiler) und kgV (kleinstes gemeinsames Vielfache) gesprochen, so auch über die Quersummenregel der Teilbarkeit von 3 und 9… Heute Abend will ich mit ihm wiederholen, was er am Montag gelernt hat, dann alles durchgehen, was er neu bearbeitet hat, und auf jeden Fall all seine Fragen klären. Wenn er so weiter macht, wie bisher, müssten wir heute mit dem Bruchrechnen fertig werden und mit den Dezimalzahlen anfangen. Danach kommt die Prozentrechnung dran; die Musteraufgaben sind bereits kopiert. Ich hoffe, das nächste Woche zu schaffen.“ Doch beim nächsten Mal stimmt etwas mit Peter nicht. Er kommt mit Mütze, die er nicht absetzen möchte, ist unruhig und bringt bei den Dezimalzahlen nichts auf die Reihe. Ich kontaktiere danach die Mutter, die erwidert: „Ja so ist er plötzlich, so chaotisch. Woran das nur liegt? – Er spielt ja auch Klavier. Aber was hilft nur gegen seine fehlende Ausdauer? Nach den Ferien schicke ich ihn in einen Yoga-Kurs für Jugendliche. Vielleicht hilft das gegen seinen Konzentrationsmangel.“ Ich halte fest: „…hier muss Peter noch viel üben, und üben heißt nicht, stupide nach Regeln arbeiten, sondern auch im Kontext mit den Grundregeln verstehen, warum man so rechnet. Ich versuche ja, ihm immer den logischen Zusammenhang verständlich zu machen.“ Wir schaffen die Aufgaben zur Prozentrechnung, und Peter beendet das letzte Treffen vor der Urlaubsreise mit dem Wunsch, danach die Konstruktion von Umkreis und Inkreis zu lernen. Eine Woche verbringt er mit seiner Familie, eine weitere in einem Fußballcamp. Anfang August lege ich ihm eigene Aufgabenzettel vor auf dem höchsten Niveau an Prozentrechnung, das sein Lehrbuch vermittelt. Wir besprechen diese Aufgaben und parallel dazu erkläre ich ihm Grundkenntnisse der Symmetrie und die geometrischen Grundkonstruktionen mit Zirkel und Lineal. Stolz packt er seinen neuen Zirkel aus und zeichnet Kreise. Das Konstruieren macht ihm sichtlich Freude. Peter, bisher sehr wortkarg, ist zufrieden, zeigt sich etwas offener und fragt mich jetzt, ob ich noch andere Schüler unterrichte. Über seine Hobbys spricht er kaum. Fußball spielt er nicht im lokalen Verein, sondern im Nachbarort, weil die besser sind und in einer höheren Klasse spielen. „Hast du Angst vor der Prüfung“, frage ich Peter. „Ein wenig schon“, meint er knapp. „Angst ist schlecht, weil sie das Denken blockiert. Mathematik und Angst passen nicht zusammen“, versuche ich ihn zu beruhigen. Peter schafft es, seine in Geometrie unkundige Mutter zu überzeugen, warum die Winkelsumme im Dreieck 180 Grad ist und wie man Mittelsenkrechte und Winkelhalbierende konstruiert. Ich schreibe erfreut an die Mutter: „Peter hat sichtlich viel Spaß an der Geometrie und es macht mir auch viel Freude, ihn dabei zu unterstützen. Und wenn er Ihnen erklären kann, was er in Geometrie gelernt hat, finde ich das ganz super, weil er dadurch seine ‚Kompetenz’ (wie man heute so sagt) nochmals vertieft. Also gestern war sein Traum, die Konstruktion von In- und Umkreis dran. Ich denke, das packt er und kann seine Konstruktion auch begründen… Ich habe für Peter die math. Begriffe der 6. Klasse auf einem Zettel zusammengestellt, die er für die Prüfungen kennen sollte.“ Endspurt Der Mutter schicke ich meine Tipps zur Vorbereitung auf Klausuren. Trotzdem wächst die Nervosität eine Woche vor der Prüfung, als die Mutter mir unter dem Betreff „Der Countdown läuft…“ mailt: „… heute in einer Woche ist es soweit! Ich denke, die Themen sind jetzt auch durch, dank ihrer Unterstützung :o) Peter macht fleißig Geometrie zu Hause, kontrollieren müssten Sie das bitte morgen, denn wie schon gesagt, ich kenne mich damit nicht aus :O( Ich wollte ihn die nächsten Tage alle Klassenarbeiten nochmals durcharbeiten lassen, finden sie das sinnvoll?“ Ich antworte: „Im Prinzip ist das gut. Das Problem ist nur, dass Peter die Aufgaben vor kurzem erst bearbeitet hat. Daher sehe ich die Gefahr, dass das Üben stupide wird… Ich schlage vor, Peter soll das beiliegende Aufgabenblatt 2 bearbeiten. Am Ende des Blatts wird auf Aufgaben aus seinem Lehrbuch hingewiesen, die ich für sinnvoll halte.“ Plötzlich kommt Peter aus dem Tritt. Obwohl er versichert, er mache jeden Tag 1 Stunde Mathematik, bringt er kaum noch etwas fertig. Er weiß bei den letzten beiden Treffen nicht mehr, was er eigentlich gemacht hat. Habe ich jetzt vielleicht zu viel Geometrie mit ihm geübt? Warum hat er immer noch Probleme mit der Prozentrechnung? War ich zu blauäugig? „Heute war ich nicht zufrieden mit Peter, weil er nicht voll dabei war. Er hatte aber auch kaum etwas gemacht. Am Montag sagte er, er wolle die Geometrie-Klausuren wiederholen (Klausur Nr. 3 und 4). Davon hat er nichts gemacht. Von meinem Aufgaben-Zettel 2 hat er nur die Aufgaben 3 bis 6 gemacht, und das mit vielen Fehlern… Dennoch glaube ich, dass er die Klausur schaffen wird, ich hoffe nur, er hat seinen Kopf dabei… Ich habe ihm aufgegeben, bis Montag den Aufgabenzettel 2 und 3 (neu!) zu erledigen. Ich erwarte von ihm mehr und volle Leistung. Am Vortag der Prüfung soll er sich aber entspannen, damit er am Mittwoch volle Leistung zeigen kann.“ Die Mutter antwortet: „... heute morgen habe ich versucht, Peter nochmals für die letzten 5 Tage zu motivieren. Ich glaube, ihm geht ein bisschen die Luft aus… Aber, er hat sich dann doch an seine Geometrie Arbeiten gesetzt und arbeitet sie jetzt durch.“ Ich erwidere: „Manchmal träume ich davon, aus Peter könnte ein guter Mathematiker werden, der in der Klasse vorne mitläuft und seinen Mitschülern erklären kann, wie Mathe funktioniert. Aber dann bin ich enttäuscht, wenn er nichts auf die Reihe kriegt… Er soll in der Klausur versuchen, die volle Punktzahl zu erreichen, und nicht denken, eine 3 oder 4 reicht. Im Fußballspiel ist es ja auch ‚tödlich’, sich mit einem 1:0 zufrieden zu geben. Ich habe ihm gesagt, wenn er eine 1 oder 2 schafft, dann gebe ich ihm ein paar kostenlose Förderstunden in Mathe (z. B. Technik des Kopfrechnens).“ Die Mutter: „Eigentlich hatte ich in der Vergangenheit immer den Eindruck, Peter könnte Mathe ganz gut umsetzen. Aber das letzte halbe Jahr ist eher chaotisch gelaufen, wobei ich auf jeden Fall denke, dass die Gründe an seiner Einstellung zur Schule zu finden sind und an seiner mangelnden Konzentration… Des Weiteren gibt Peter zu schnell auf, wenn es nicht sofort klappt. Sich in eine Aufgabe reinknien, bis man doch noch auf die Lösung kommt, ist ihm zu zeitaufwendig und mühsam. Bei Peter muss immer alles schnell gehen… Ich denke er könnte in Mathe auf jeden Fall im Mittelfeld mitspielen, ein Mathematiker aber wird er nicht, da fehlt ihm auch der Ehrgeiz… Eine gute Note in der Prüfung wäre natürlich klasse und würde auch Ihre hervorragende Arbeit bestätigen.“ Vor dem letzten Termin schreibe ich: „Die Psychologen sagen, am Tag vor der Klausur soll man nicht mehr üben, sondern sich entspannen, um dann bei der Klausur den Kopf frei zu haben. Ich denke, Peter sollte dementsprechend am Dienstag entspannen, etwas anderes als die übliche Mathematik tun… Als pädagogisch interessante Filme könnte ich dafür ausleihen: 1. ‚Rhythm is it.’ (Berliner Philharmoniker und jugendliches Tanztheater mit Sir Simon Rattle) 2. J. Kramer, The Other Final (Das Fußball-„Finale“ Montserrat-Bhutan 2002) 3. B. Becker, Die besten Frauen der Welt (Fußball-WM der Frauen in China 2007) Bei Interesse kann sich Peter davon etwas aussuchen. Damit meine ich nicht, dass er sich die Filme ansehen soll. Aber er muss sich überlegen, wie er den Tag gestaltet.“ Auf dem letzten Treffen, am Montag vor der Prüfung, gehen wir noch mal die letzten beiden Zettel mit Aufgaben zum Bruch- und Prozentrechnen durch. Aber die Frage bleibt: Wird Peter es schaffen? Er blickt mich an: „Kann ich morgen noch was machen?“ „Du kannst dir die „Rückblick“-Seiten im Lehrbuch noch mal anschauen, auf denen alles Wichtige zusammengefasst ist. Ansonsten keine Mathematik, sondern Erholung.“ Bevor er geht, wählt er den Film über die Frauen-WM. „Frauen-Fußball ist nicht so mein Ding, auch wenn unsere Frauen sehr gut spielen“, kommentiert die Mutter, als sie Peter wieder mit dem Auto abholt. „Ich finde, die Trainerin Silvia Neid motiviert sehr gut, da kann man einiges lernen“, ergänze ich und verabschiede Peter: „Die Arbeit mit dir hat mir sehr viel Spaß gemacht. Viel Erfolg und Glück wünsche ich dir und denk daran: Locker bleiben in der Prüfung!“ Schluss Am Abend vor der Prüfung geht Peter früh ins Bett. Um 9 Uhr ist bereits alles still in seinem Zimmer. Morgens frühstückt er, legt heute Wert auf gesunde Vitamine wie Obst, um fit zu sein. Um 8 Uhr beginnt die Klausur. Themen der Arbeit: Hauptsächlich Bruchrechnung, ein wenig Prozentrechnung und Winkelberechnung, keine geometrischen Konstruktionen. Peter hat hinterher ein gutes Gefühl, auch wenn er nicht alles gelöst hat. Eine der Aufgaben gehört nicht in die 6. Klasse: „Ein Arbeiter bekommt nach einer Lohnerhöhung um 2 % einen Lohn von 150 Euro am Tag. Wie viel hat er vorher bekommen?“ Abends telefonieren wir miteinander, und ich rede ihm zu, locker, ohne Angst in die mündliche Prüfung zu gehen und bei den Aufgaben genau darauf zu achten, was gegeben, verlangt und gesucht ist. Der nächste Tag ist der heißeste des Jahres, bis 37 Grad im Schatten. Peter kommt als Zweiter nach seiner Klassenkameradin Nina an die Reihe. Als mündliche Aufgabe bekommt er zwei Texte mit mehreren Fragen, auf die er sich 15 Minuten lang vorbereiten kann, bis sich die Tür zum Prüfungsraum öffnet. Nina, durchgefallen, kommt weinend heraus, und Peter hat jetzt eine halbe Stunde der Präsentation und Prüfung. Eine hohe Anforderung für einen 13-jährigen, für die es kein Übungsmaterial gibt! Endlich kommt die erlösende Nachricht. Peter hat es geschafft, beide Prüfungen mit 3 bestanden! Nur drei von neun Schülern haben diesmal die Nachprüfung in Mathematik bestanden. Mein Schlusswort an die Eltern: „Die Prüfung war schwerer als erwartet, und ich bin auch sehr erleichtert, dass Peter es geschafft hat und dass er nun den ungeheuren seelischen Druck losgeworden ist, den ich von Anfang an als ‚Hauptfeind’ angesehen habe. Der Erfolg hat ihn jetzt doch wieder selbstbewusster werden lassen. Für mich ist eine gewisse Lockerheit im Denken notwendig, um mathematisch zu arbeiten… Ich habe ihm gesagt, er solle im Mathe-Unterricht den Überblick behalten, Unklarheiten mit seinen Mitschülern besprechen und, wenn das nicht hilft, mir eine E-Mail schicken. Er kann mir auch einen Zettel mit seinem Problem in den Briefkasten werfen. Jedenfalls nützt es nichts, Unklarheiten und Fragen vor sich her zu schieben, weil ihm dann der Unterricht nichts mehr bringt. Von ‚Feuerwehreinsätzen’ kurz vor der Klausur halte ich nichts… Auch wenn er kein Mathe-Genie wird, so kann er noch viel besser in Mathe werden: eine 1 bis 2 ist jedenfalls drin...“ Fazit der Eltern: „Auch wir sind erleichtert, dass das Thema ‚Nachprüfung’ nun hinter uns liegt und vor allen Dingen positiv für Peter geendet hat. Vor den Ferien dachten wir uns, wie wird das wohl laufen in den Ferien, Mathe üben volle 6 Wochen, und wie wird Peter damit umgehen. Zu unserer Überraschung haben wir bei Peter kein einziges Mal Unlust verspürt oder eine ‚Null Bock’-Einstellung seinerseits. Im Gegenteil, er hat sich auf die Stunden bei Ihnen gefreut und kam immer hoch motiviert nach Hause… Vielen Dank nochmals für Ihr Engagement, Ihre mathematischen Fähigkeiten und vor allem Ihr ‚Händchen’, dieses interessant und verständlich zu vermitteln… Peter hat sich für das kommende Jahr einiges vorgenommen. Vielleicht übernimmt er sogar den einen oder anderen Tipp von ihnen und spürt positives Feedback… Auf jeden Fall möchte er bei Unklarheiten und vor Arbeiten bei Ihnen anklopfen, natürlich mit entsprechendem Vorlauf… Wir glauben, Sie sind für ihn ein guter ‚Kamerad’ geworden und das nicht nur in Bezug auf Mathe.“ Anhang Bücher, die Peter benutzt hat: L1) Lambacher-Schweizer 6, Mathematik für Gymnasien, Klett-Verlag 2007. L2) Arbeitsheft (Aufgabenheft) zu L1, von der Schule empfohlen. L3) Helmut Postel, Aufgabensammlung zur Übung und Wiederholung, Verlag Schroedel 1998. Wegen der Geometrie: L4) Meyers kleine Enzyklopädie Mathematik, Meyers Lexikonverlag 1995. Wegen Peters Interesse an Geschichte: L5) Lancelot Hogben, Wunderbare Zahlenwelt, C. Bertelsmann Verlag 1956. Folgende Texte (Blätter) habe ich in der Arbeit mit Peter erstellt: B1) Klausuren-Vorbereitung B2) Liste der mathematischen Begriffe der 6. Klasse B3) Liste der Bruchrechnen-Wörter Deutsch-Englisch B4) Allgemeine Leitsätze für das Lernen von Mathematik B5) Tabelle mit Übersicht über das Rechnen mit Bruchteilen und Prozentsätzen B6) 4 Aufgabenzettel --- Soweit Kurts Protokoll. Bleibt noch die Frage, was aus Peter geworden ist. Kurt: „Seine Mutter hat leider doch Recht behalten. Peter hat sich in der 7. und 8. Klasse mühsam durchgehangelt, bis seine Flamme in der 9. Klasse ganz erloschen ist: Null Bock. Die Pyramide war ihm zu kompliziert, das wollte er nicht mehr. Auch das Kopfrechnen war ihm zuwider. Er ist immer noch verschlossen und ich wünsche ihm einen Freund, dem er sich öffnen kann. Ich war zu sehr der verlängerte Arm seiner Erzieher.“
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"Mathematik: Nachprüfung - ein Sommertränen-Albtraum" | 2 Comments
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Re: Nachprüfung - ein Sommertränen-Albtraum
von: Hans-Juergen am: Do. 21. Juni 2012 12:11:40
\(\begingroup\)Hi Gerhardus, Dein im Artikel erwähnter Traum, aus dem schwachen Nachhilfeschüler könnte einst ein Mathematiker werden, ist, wie Träume nun einmal sind, wenig realistisch. Mathematiker verfügen über einen herausragend scharfen, raschen und tiefgehenden Verstand. Oft sind sie besonders fleißig, zäh und zielstrebig, nicht selten auch phantasiebegabt und kreativ. Leider gehöre ich selber nicht dazu. Von dem, womit sie sich auf dem Matheplaneten zum Beispiel hier und an anderen Stellen studierend-fragend und helfend präsentieren, verstehe ich kein Wort, doch gelten ihnen meine Bewunderung und mein uneingeschränkter Respekt. Das wollte ich bei dieser Gelegenheit und nach vielen Jahren auf dem MP einmal loswerden. Es grüßt Euch alle Hans-Jürgen. \(\endgroup\)
 

Re: Nachprüfung - ein Sommertränen-Albtraum
von: Kleine_Meerjungfrau am: Do. 21. Juni 2012 15:01:28
\(\begingroup\)Ein schöner Text, danke dafür. Ich finde es gerade interessant, wie andere Nachhilfelehrer so etwas erleben, ich selbst habe meinen Nachprüfungskandidaten damals erst nach den Sommerferien übernommen, was natürlich deutlich schwieriger ist, weil zum alten Stoff parallel auch noch der neue gelernt werden musste (Die Klausur ging über den Stoff des Vorjahres und den Stoff des aktuellen Schuljahres, der bis dato angelaufen ist). Was ich mich allerdings gefragt habe: warum schreibst du uns das? Was war deine Intention hinter dem Artikel?\(\endgroup\)
 

 
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