Mathematik: Der Exodus aus Göttingen 1933
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Bildung

\(\begingroup\) Der Exodus aus Göttingen 1933 Die deutsche Verfolgung von Wissenschaftlern ab 1933 gehört zu den größten Wissenschaftskatastrophen seit der Zerstörung des antiken Alexandria. Das Buch von A. Beyerchen hat mir zum ersten Mal das ungeheure Ausmaß verdeutlicht. Göttingens math.-naturw. Institute traf es ganz massiv. Ich habe nun die Daten von A. Beyerchen (Fokus Physik), N. Schappacher (Fokus Mathematik) und C. Reid (Hilbert-Courant) (s. Literaturliste am Ende) zu meinem Thema übersichtlich zusammengeführt und durch zahlreiche Links ergänzt, denn viele Leser kennen die meisten Namen nicht.

Die Lage im April 1933 Diese Liste der 1933 zerstörten Institute und ihrer Mitarbeiter folgt einer Tabelle aus Alan D. Beyerchen (s. Literaturverzeichnis, L1 S. 64). Dessen Basis war das amtl. Vorlesungsverzeichnis der Georg-August-Universität Göttingen. Abkürzungen: (nn) = Alter in Jahren 1933 Ψ nicht-arisch (jüdisch) → Fortgang 1933 (Kündigung, Beurlaubung; mit Jahr, falls später)
Mathematisches Institut Göttingen 
Geschäftsführender Direktor:Richard Courant (45) Ψ →
Direktoren:David Hilbert (71, emeritiert)
 Edmund Landau (56) Ψ →
 Gustav Herglotz (52)
 Hermann Weyl (47) →
Oberassistent:Otto Neugebauer (34) →
Planmäßiger Assistent:Hans Lewy (28) Ψ →
Außerplanmäßige Assistenten:Franz Rellich (26) (→ 1934)
 Werner Weber (27, SA-Mitglied)
 Heinrich Heesch (27) (→ 1935)
 Hans Heilbronn (24) Ψ →
 Rudolf Lüneburg (30) →
Doktoranden:Fritz John (23) Ψ →
 Peter Scherk (23) Ψ (→ 1936)
  
Mathematisch-Physikalisches Seminar 
Außerplanmäßige Assistenten:Paul Bernays (44) Ψ →
 Paul Hertz (52) Ψ →
 Wilhelm Cauer (33)
 Werner Fenchel (28) Ψ →
 Herbert Busemann (28) Ψ →
Lehrvertrag für AlgebraEmmy Noether (51, Pazifistin) Ψ →
  
II. Physikalisches Institut 
Direktor:James Franck (50, Nobelpreis 1925) Ψ →
Oberassistentin:Hertha Sponer (37) →
Planmäßige Assistenten:Günther Cario (36)
 Arthur von Hippel (34) →
Außerplanmäßige Assistenten:Heinrich Kuhn (29) Ψ →
 Werner Kroebel (29) (→ 1934)
Persönlicher Assistent von J. Franck:Eugene Rabinowitch (32) Ψ →
  
Institut für Theoretische Physik 
Direktor:Max Born (50, Einstein-Freund) Ψ →
Planmäßiger Assistent:Walter Heitler (29) Ψ →
Außerplanmäßiger Assistent:Lothar Nordheim (33) Ψ →
Sonstige Mitarbeiter:Martin Stobbe (30) (→ 1934)
 Eduard Teller (25) Ψ →
Daneben gibt es in Göttingen 1933:
Die allgemeine politische Situation nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, die Auflösung des Rechtsstaats, die „Politik der Geistesverachtung“ (Joachim Fest), die Hetze und die gewaltsamen Übergriffe gegen Andersdenkende und alles Jüdische wird als bekannt vorausgesetzt. Erwähnt werden nur Daten von besonderer Bedeutung für den Exodus. Im April 1933 wollten die meisten noch in Deutschland bleiben in der Hoffnung, der Sturm werde sich bald wieder legen; von Hermann Weyl (1930 von Zürich gekommen), dessen Frau Hella jüdische Wurzeln hatte, und von Max Born und Hans Lewy ist bekannt, dass sie Deutschland verlassen wollten, ohne aber konkrete Pläne zu haben. Göttingen glänzte als internationales Zentrum der Mathematik und Physik, Emmy Noether als Spitzenkapazität in moderner Algebra. Eine sehr familiär-freundschaftliche, humorvolle Atmosphäre zeichnete die genannten Institute von Weltruf aus, frei von nationalen, geschlechtlichen, rassischen oder religiösen Ressentiments. Über Politik wurde intern diskutiert und geklagt, parteipolitisch aktiv war aber niemand der Verfolgten. Aber die Opposition in den anderen Uni-Bereichen diffamierte sie als jüdisch-marxistische Hochburgen und wurde immer missgünstiger, unterstützt vom Preußischen Kultusminister Bernhard Rust (NSDAP-Politiker, ernannt am 2. Februar 1933) und seinem Leiter der naturwissenschaftlichen Abteilung Theodor Vahlen (SS-Mitglied, L1, S. 48). Der Kurator vertrat den Minister an der Universität, erst Universitätsrat Otto Wolff, ab 1. Mai 1933 Justus Valentiner. Aus der deutschen Chronik kurz vor den Göttinger Ereignissen 1933 28. März: Albert Einstein erklärt seinen Austritt aus der Preußischen Akademie der Wissenschaften und den Nationalsozialismus erneut für eine Gefahr. 1. April: Von der Regierung geförderter nationaler Boykott gegen Juden (in Göttingen schon am 29. März). Wütende antijüdische Hetzrede von Goebbels im Sportpalast Berlin. 7. April: Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums Als „Beamte nicht arischer Abstammung“ gelten nach § 3 (1) diejenigen, die einen jüdischen Großelternteil im Stammbaum haben. Sie können nunmehr entlassen oder vorzeitig in den Ruhestand versetzt werden. Nach § 3 (2) sollten jedoch „nicht arische“ Beamte im Dienst belassen werden, wenn sie schon vor August 1914 verbeamtet worden waren (das traf auf E. Landau und F. Bernstein zu), oder die im Weltkrieg an der Front Opfer gebracht hatten. (Das Frontkämpferprivileg war Hindenburgs Beitrag. M. Born, J. Franck und R. Courant hatten dieses Merkmal, Hilbert war als Kriegsgegner bekannt.) Alle im Beamtenstatus befindlichen Personen müssen von nun an den „Ariernachweis“ erbringen, d. h. belegen, dass sie keine Vorfahren jüdischer Religionszugehörigkeit haben. 13. April: Erste Professoren mit jüdischen Wurzeln werden in Deutschland beurlaubt. Die Deutsche Studentenschaft startet die Kampagne „Wider den undeutschen Geist!“, bis zur öffentlichen Bücherverbrennung am 10. Mai 1933. Viele ihrer Aktionen sind nicht dokumentiert.
Aus der Chronik der Göttinger Ereignisse 1933 17. April: Öffentlicher Rücktritt von James Franck, Direktor des II. Physikalischen Instituts. Briefe an den Preußischen Kultusminister und an den Universitäts-Rektor und Brief-Ausschnitte an die Göttinger Zeitung, die am 18. April daraus zitiert: „Ich habe meine vorgesetzte Behörde gebeten, mich von meinem Amte zu entbinden. Ich werde versuchen, in Deutschland weiter wissenschaftlich zu arbeiten. Wir Deutsche jüdischer Abstammung werden als Fremde und Feinde des Vaterlandes behandelt. Man fordert, daß unsere Kinder in dem Bewußtsein aufwachsen, sich nie als Deutsche bewähren zu dürfen. Wer im Kriege war, soll die Erlaubnis erhalten, weiter dem Staate zu dienen. Ich lehne es ab, von dieser Vergünstigung Gebrauch zu machen, wenn ich auch Verständnis für den Standpunkt derer habe, die es heute für ihre Pflicht halten, auf ihrem Posten aus zuharren.“ 19. April: Echo in London, The Times: Treatment of Jews in Germany, Nobel Prize Winners’ Protest. Nazis an der Universität setzen daraufhin Gerüchte in Umlauf, dass sich Francks Freunde gegen die Regierung verschworen hätten, um Deutschland zu schaden. 24. April: Erklärung (sogenannte Kundgebung) Der Rückritt Professor Francks im Göttinger Tagblatt, unterzeichnet von 42 Universitätsdozenten. Darin heißt es: „Wir sind uns einig darin, daß die Form der obigen Rücktrittserklärung einem Sabotageakt gleichkommt, und hoffen, daß die Regierung die notwendigen Reinigungsmaßnahmen daher beschleunigt durchführen wird.“ 25. April nach 15 Uhr: Telegramm des Preußischen Kultusministers an den Universitätskurator Göttingen: Telegrammtext_600 Von den 6 beurlaubten Professoren sind noch nicht vorgestellt der Strafrechtler Richard Honig und der Sozialpädagoge Curt Bondy. Wie gesagt, traf das neue Beamtengesetz weder auf Born, Courant und Bernstein zu noch auf die Nicht-Beamtin Noether. Damit ist das Ende der Mathematik und theoretischen Physik in Göttingen besiegelt. 26. April: Göttinger Tagblatt: 6 Göttinger Professoren beurlaubt Weitere werden folgen. Laut C. Reid (L4) hat Courant die Schreckensmeldung erst von einem befreundeten Zeitungsleser erfahren. Ein monatelanger aufreibender Kampf beginnt, um die grundlosen Beurlaubungen zu annullieren, besonders für Courant und Noether. Max Born, dessen Gesundheit schwächelt, reist am 9.5. in die Dolomiten. F. Bernstein kehrt von seiner Vortragsreise in den USA nicht mehr zurück. Hilbert, selbst gesundheitlich angeschlagen, ist empört über die Rechtlosigkeit: Das hätte es in Preußen nicht gegeben. Der Kurator schreibt an Otto Neugebauer, Courants rechte Hand, die Geschäfte des Mathematischen Instituts weiterzuführen. Dieses Schreiben kommt am 28. April 1933 an. 27. April: Das Ministerium beauftragt die Dekane der Fakultäten, umstrittene Dozenten gewissermaßen aus dem Verkehr zu ziehen. Boykottdrohungen der Studenten gegen Neugebauer, Landau und andere. 28. April: Der Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät Max Reich “empfiehlt” (im Auftrag des Ministeriums) Herrn Landau, “seine Vorlesungen vorläufig hinauszuschieben”, und den Herren Bernays, Hertz, Hohenemser, Lewy, Neugebauer, Nordheim, “bis zur endgültigen Entscheidung ihrer Rechtslage ihre venia legendi nicht auszüben” (d. h. keine Lehrberechtigung). Paul Bernays unterstützt noch Hilbert bei seiner Vorlesung Grundlagen der Geometrie und kehrt dann wie Paul Hertz in die Schweiz zurück. Hans Lewy emigiriert über Frankreich in die USA. Kurt Heinrich Hohenemser hat bei L. Prandtl gearbeitet und ist denunziert worden. Privater Brief von Courant an Hellmuth Kneser: „Franck hatte, bevor ich aus den Ferien zurückkam, fester und fester den Entschluß zum freiwilligen Rücktritt gefaßt. Neugebauer und ich, aber auch andere Freunde, haben ihn dann immer wieder zurückgehalten und zum Aufschub gedrängt. Eines Tages, ich glaube am Ostersonntag, wurde Francks Entschluß aber entgegen unseren Wünschen endgültig gefaßt. Wir, d. h. Born und ich, überlegten kurze Zeit, ob wir nicht moralisch verpflichtet wären, Franck zu folgen. Wir entschieden uns aber dazu, das nicht zu tun, sondern zu versuchen zu bleiben und mit allen Kräften unsere Einrichtungen hier aufrecht zu erhalten.“ 29. April: Otto Neugebauer will sich dem System nicht fügen und antwortet dem Kurator: „Ich bitte ergebenst, mich mit sofortiger Wirkung von dieser Verpflichtung [der Geschäftsführung] zu entbinden, da ich, wie mir soeben durch den Herrn Dekan der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät mitgeteilt wurde, zu den Dozenten gehöre, die nicht das Vertrauen der Studentenschaft besitzen. Ich kann natürlich nicht verantworten, unter diesen Umständen die Leitung des Institutes weiter zu behalten, und bitte, einen der verbliebenen Herren Ordinarien damit zu betrauen.” Neugebauer geht Ende 1933 zur Universität in Kopenhagen, 1939 in die USA. Daraufhin übernimmt Hermann Weyl die Geschäftsführung. Robert Pohl übernimmt die administrative Leitung der beiden vakanten physik. Institute. 1. Mai: Das Sommersemester beginnt wegen der Unruhen verspätet. Landaus Analysis-Vorlesung wird verschoben. 5. Mai: Die amtliche schriftliche Benachrichtigung trifft ein, ohne formale Gründe für Courants Entlassung. Darin heißt es lediglich, daß er mit Wirkung vom 2. Mai laut Gesetz vom 7. April beurlaubt ist, daß diese Beurlaubung in jeder mit der Universität in Beziehung stehenden Tätigkeit einzuhalten sei und daß sein Gehalt bis auf weiteres weiterlaufe. 6. Mai: Die dritte Durchführungsverordnung zum Gesetz vom 7. April 1933 schließt auch nichtbeamtete Dozenten in die Bestimmungen des Gesetzes ein. 8. Mai: E. Landau wird von Studenten boykottiert, seine Vorlesung wird ab 8. Mai von seinem Assistenten Werner Weber (SA-Mann) gehalten. 24. Mai: M. Born schreibt an den Kurator J. Valentiner, was Franck in seinem Rücktrittsschreiben gesagt hätte, hätte auch für Born als deutschen Juden Gültigkeit. Juni: Petitionen für Courant an das Ministerium. 1. Von Kurt Friedrichs und Otto Neugebauer verfasste, 4-seitige Petition, unterzeichnet von 28 großen Namen, davon über 1/3 Physiker, u. a. E. Artin, H. Hasse, Heisenberg, Planck, Prandtl, von Laue, Schrödinger, Sommerfeld. Ausländische Unterzeichner wurden weggelassen, um dem Gegenargument der Einmischung von außen vorzubeugen. (L4, S. 374-376) 2. Petition des Kurators J. Valentiner 3. Brief von Harald Bohr und Hellmut Kneser über den hohen internationalen Ruf Courants. Aber das Ministerium schweigt unerbittlich. 1. Juli: Max Born ersucht um normale Beurlaubung, um eine Berufung nach Cambridge anzunehmen. Juli: J. Franck wird eine Gastdozentur in Baltimore für das Wintersemester angeboten, Courant eine Gastdozentur in Cambridge. Helmut Hasse organisiert 14 Gutachten für Emmy Noether, die er am 31. Juli an den Kurator schickt (L2, S. 23). 29. Juli: Die Nazis wollen Udo Wegner aus Darmstadt zum Nachfolger Courants machen. Dazu H. Weyl: “Für die Zukunft ist in erster Linie eine günstige Regelung der Personenfrage entscheidend. Für die Mathematik wäre es geradezu eine Katastrophe, wenn im Falle der Entlassung von Herrn Courant der Kandidat der Studentenschaft, Herr Wegner, Darmstadt als Ordinarius und Leiter des Mathematischen Instituts nach Göttingen berufen würde.” 31. Juli: Werner Fenchel wird nach § 3 Beamtengesetz entlassen. 2. August: Paul Bernays wird nach § 3 Beamtengesetz entlassen. 9. August: Der Kurator J. Valentiner urteilt über E. Noether: “In politischer Hinsicht hat meines Wissens Fräulein Noether von der Revolution von 1918 an bis auf unsere Tage auf marxistischem Boden gestanden. Und wenn ich es auch für möglich halte, daß ihre politische Auffassung mehr theoretisch als bewußt und praktisch war und ist, so glaube ich doch zugleich mit Bestimmtheit, daß ihre Sympathien so stark der marxistischen Politik und Weltauffassung gelten, daß ein rückhaltloses Eintreten für den nationalen Staat von ihr nicht zu erwarten ist.” 10. August: Max Born kündigt und beantragt seinen Rücktritt, um nach Cambridge (GB) zu wechseln. Mitte August: H. Weyl entschließt sich, Einstein ans Institute for Advanced Studies in Princeton (USA) zu folgen. Ende August: Courant nimmt eine Stelle in Cambridge (GB) an. 2. September: Das preußische Kultusministerium entzieht E. Noether die Lehrbefugnis nach § 3 Beamtengesetz. 8. September: Kurt Hohenemser und Paul Hertz wird die Lehrbefugnis nach § 3 Beamtengesetz entzogen. 20. September: Lothar Nordheim erhält die Kündigung zum 31. Oktober. Anfang Oktober reist er nach Paris. 9. Oktober: Weyls Entlassungsgesuch. Darin schreibt er u. a.: „Daß ich in Göttingen fehl am Platze bin, ist mir sehr bald aufgegangen, als ich im Herbst 1930 nach 17-jähriger Tätigkeit an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich dorthin als Nachfolger von Hilbert übersiedelte.” Nach Weyls Weggang ist G. Herglotz 14 Tage lang Institutsdirektor (für Verwaltung aber ungeeignet), danach der Assistent Franz Rellich. M. Borns dienstliche Beurlaubung vom April wird aufgehoben. Er wird für Cambridge normal beurlaubt; weil seine Kündigung ignoriert wird, bleibt seine Göttinger Stelle frei. 16. Oktober: Eilbrief von Prandtl ans Ministerium: "Die Göttinger Mathematik und Physik hat durch das Beamtengesetz sehr große Verluste erlitten, und es galt nun Ersatz zu schaffen, durch den die glänzende Tradition dieser Wissenschaften in Göttingen hochgehalten werden kann. … Ministerialdirektor Gerullis vom preußischen Kultusministerium hatte zugesagt, daß die Stellung von Göttingen in Mathematik und Physik erhalten bleiben solle. … Nun ist Gerullis aber wegen einer anderen Sache gegangen. … Diese Situation scheint nun von Göttinger Kreisen anderer Fakultäten, die die Naturwissenschaften für einen überflüssig gewordenen Luxus halten, ausgenutzt worden zu sein, um im Ministerium dafür Stimmung zu machen, daß es statt des Wiederaufbaues der Mathematik und Physik lieber andere Pläne fördern soll. …” 20. Oktober: Courants Beurlaubung wird aufgehoben. Für Cambridge beantragt er eine freiwillige Beurlaubung (L1, S. 51). Ende Oktober: E. Noether reist in die USA, um am Frauencollege in Bryn Mawr (Pennsylvania, USA) Gastvorlesungen zu halten (dank einer Initiative von H. Weyl). D. Hilbert hält im Winter seine allerletzte Vorlesung, Teil 2 der Grundlagen der Geometrie. F. K. Schmidt kommt aus Erlangen als Noether-Ersatz und, um die von Weyl angekündigte Funktionentheorie zu halten. Martin Stobbe, von einem einjährigen Studienaufenthalt aus Bristol (GB) heimgekehrt, lehrt theoretische Physik (1934 tritt er unter Protest zurück, 1940 in Norwegen verschollen). (W. Heitler erhält Stobbes Platz in Bristol dank Fürsprache von M. Born.) 1. November: Das Ministerium wandelt Courants angeordnete Beurlaubung in eine „normale“ ohne Bezüge um, damit er die Gastvorlesung in Cambridge halten kann. 2. November: Landau wird erneut boykottiert: “Ich mußte daher als selbstverständlich annehmen, daß von zuständiger Seite, wenn überhaupt noch eine Vorsicht nötig war, alle Vorkehrungen getroffen waren, um den gewohnten Vorlesungsbetrieb wieder pflichtgemäß aufzunehmen. Als ich mich am 2. 11. um 11 Uhr c.t. von meinem Amtszimmer aus in das Auditorium Maximum zum Vorlesungsbeginn begeben wollte, war die Vorhalle mit etwa 80 bis 100 Studenten gefüllt, die mich ungehindert durchließen. Im Hörsaal war ein Mann. Also offenbar Boykott, indem Posten an den Türen die arbeitswilligen Studenten (ohne Gewalt) verhindert hatten, den Hörsaal zu betreten. — Was geschehen ist — und es ist unter Mitwirkung vieler geschehen, die meine Schüler werden sollten — führt mich zu der Auffassung, daß die einzige Konsequenz mein Antrag auf Emeritierung bzw. Pensionierung ist.” 3. November: Makabrer Brief des Organisators des Boykotts Oswald Teichmüller (ab 1931 Student, SA-Mann) an Landau zeigt seine hilflosen rassischen Unterstellungen (komplett in L2, S. 25-27): "Sehr geehrter Herr Professor! … Es handelt sich für mich nicht darum, Ihnen als Juden Schwierigkeiten zu machen, sondern lediglich darum, die deutschen Studenten des zweiten Semesters unter möglichster Schonung aller übrigen davor zu bewahren, gerade in der Differential- und Integralrechnung von einem ihnen ganz fremdrassigen Lehrer unterrichtet zu werden. Ich wage so wenig wie jeder andere Ihre Fähigkeit der rein international-mathematisch-wissenschaftlichen Belehrung von geeigneten Studenten beliebiger Abstammung zu bezweifeln. Aber ich weiß auch, daß viele akademische Vorlesungen, insbesondere auch die Differential- und Integralrechnung, zugleich erzieherischen Wert haben und den Schüler nicht nur in eine neue Begriffswelt, sondern auch zu einer anderen geistigen Einstellung führen. Da aber die geistige Einstellung des einzelnen von seinem Geiste, der da umgestellt werden soll, abhängt, dieser Geist aber nach nicht nur jetzt, sondern schon lange bekannten Grundsätzen ganz wesentlich von der rassischen Zusammensetzung des einzelnen abhängt, dürfte es sich im allgemeinen nicht empfehlen, z. B. arische Schüler von einem jüdischen Lehrer ausbilden zu lassen. Ich kann hier aus eigener anderweitiger Erfahrung sprechen. Dem Schüler bleiben da eigentlich nur zwei Wege: Entweder er zieht aus dem Vortrag des Lehrers nur das international-mathematische Gerippe heraus und umkleidet es mit eigenem Fleisch. Das ist eine mathematisch-philosophisch produktive Arbeit, der nur die wenigsten gewachsen sind. Die Übrigen lassen den Vortrag nur auf ihr Gedächtnis und auf die äußerste Oberfläche ihres Verstandes wirken und bemühen sich, nach dem Staatsexamen all den höheren Kram möglichst rasch zu vergessen. Der dritte Weg, den Stoff in der fremden Form zu übernehmen, führt zu einer geistigen Degeneration, die Sie einem Studenten heutzutage nicht gut zumuten können und wohl auch nicht wollen. Die Möglichkeit aber, daß Sie den mathematischen Kern ohne eigene nationale Färbung Ihren Hörern vermitteln, besteht so wenig, als es sicher ist, daß ein Gerippe ohne Fleisch nicht läuft, sondern zusammensackt und verwittert. Aus dieser meiner Einstellung folgt auch, daß wenig dagegen einzuwenden wäre, wenn Sie höhere Vorlesungen, die auf vorhandener Geisteseinstellung aufbauend für Anwendung oder Erkenntnis wichtige mathematische Tatsachen erarbeiten, nach wie vor im besten Einvernehmen mit den Studenten an unserer Landesuniversität halten wollen. Dies ist eine Ansicht, der sich nur wenige meiner Kameraden angeschlossen haben. Die überwiegende Mehrzahl steht auf dem Standpunkt, eine Vorlesungstätigkeit Ihrerseits sei schlechthin untragbar. Diese Stellungnahme kann auch ich mir nur aus Antisemitismus entstanden denken. Der Unterschied zwischen beiden Meinungen ist natürlich für den Augenblick vollkommen belanglos. Ich stelle ausdrücklich fest, daß auf keinen Fall von einer Spaltung in “Radikale” und “Gemäßigte” gesprochen werden kann. Wir haben alle ein Programm und sind gute Kameraden, nur über die rein theoretische Frage, ob die gestrige Aktion antisemitischen oder progermanischen Charakter hatte, haben wir, bis von berufener Seite eine Entscheidung erfolgt, verschiedene Ansicht. Um so einiger waren und sind wir alle über den Zweck der Aktion. Es handelt sich darum, im wesentlichen den Zustand des vorigen Semesters wiederherzustellen. Herr Dr. Weber ist bereit, Sie in Vorlesung und Übungen zu vertreten. Da nicht mehr die Ungewißheit des vorigen Semesters besteht, wäre es nicht notwendig, daß Sie wieder jede einzelne Stunde mit ihm durchsprächen, sondern er würde die Vorlesung ganz oder doch in den einzelnen Teilen selbständig halten. Das wäre auch uns lieber. In Anbetracht dessen, daß der einzige, der bei der ganzen Sache wirklich ein Opfer bringt, Herr Dr. Weber ist, der im Interesse der jüngeren Kommilitonen seine Arbeit verdoppelt, während Sie bloß der Vorlesung fernzubleiben brauchten, ohne irgendwelchen pekuniären oder sonstigen Nachteil zu haben, glaube ich, Ihnen einen wirklich leicht anzunehmenden Vorschlag gemacht zu haben. Hochachtungsvoll" Fazit: Weil E. Landau die Widerlegung des Rassismus verkörperte, wurde er abgeschirmt. 24. November: Felix Bernstein wird nach § 6 Beamtengesetz in den Ruhestand versetzt. 28. November: Stiller Protest: J. Franck wird am Göttinger Bahnhof von einer großen Menge verabschiedet. 27. Dezember: Weil F. Rellich in das Geländesportlager Zossen (bei Berlin) einberufen worden ist (als Österreicher zu Unrecht), beauftragt der Kurator Valentiner Werner Weber ersatzweise mit der Geschäftsführung des Math. Instituts. Damit bestimmt nun ein SA-Mann die Geschicke des math. Instituts.
Schlussbemerkung: Die Ereignisse von 1933 waren für die Betroffenen so unvorstellbar traumatisch und demütigend, dass sie aus eigenem Antrieb nicht darüber sprechen konnten. Sie mussten sich auch anpassen, um möglichst viel von ihrer Familie, Arbeit und Habe zu retten. Die Historiker begannen erst 20 Jahre nach Kriegsende zu recherchieren. So bleiben viele Details und Wirkungen im Dunkel. Angst, Wut und Misstrauen blieben in Deutschland zurück. Mein Dank gilt den Historikern Alan D. Beyerchen, Norbert Schappacher, Constance Reid und den unbekannten Wikipedia-Autoren, die viele Einzelschicksale dokumentiert haben. Als Laie habe ich ihre Daten ausgewählt und geordnet, um ein Bild von der Zerstörung zu geben. Die Daten hier sind keinesfalls vollständig! Für Korrekturen bin ich immer dankbar. Wer mehr über den Kampf um die Mathematik in Göttingen erfahren will, lese den Schappacher (spannend wie ein Krimi!). Für die Erlaubnis, das Bild des Nachrichtentextes aus dem Desaster-Telegramm im Internet zu zeigen, danke ich dem Universitätsarchiv Göttingen (A-Nr. Kur 4092 sekr.). Eine komplette Schwarzweiß-Kopie steht in L5, S. 42-43. Der Kultusminister war in Panik, vom Wahnsinn getrieben. Kürzer konnte eine Regierung ihre Dummheit nicht beweisen. Wie die Betroffenen sie erfahren haben, ist mir unklar. Auf der Rückseite des Telegramms ist vermerkt: "Honig, Courant, Born, Frau Bernstein sind durch Fernsprecher benachrichtigt 25 4 33 Bondi u Emmy Noether morgen früh benachrichtigen" So etwas erledigt ja nicht ein kurzer Anruf. Laut C. Reid will Courant es am nächsten Morgen von einem Freund gehört haben. Ich danke fru für die technische HTML-Hilfe und fürs Lesen und Rebecca, deren Artikel mich angestoßen hat. So erschütternd alles war, ich will hier nicht trauern, sondern aus der Geschichte lernen: 1. So unpolitisch die Mathematik ist, ihre Geschichte ist zuweilen hochpolitisch. 2. 1933 haben Mathematiker und Physiker die destruktive, unmenschliche und wissenschaftsfeindliche Willkür des Faschismus massiv erfahren und bloßgelegt. Dafür sind sie zu würdigen. 3. Ich bin froh über jeden, der das rettende Ufer erreicht hat. Es erwies sich als unglaubliches Glück in der Katastrophe, in die Deutschland damals trieb. Quellen, Literaturverzeichnis: L1. Alan D. Beyerchen, Wissenschaftler unter Hitler: Physiker im Dritten Reich, 1977, deutsche Ausgabe, Verlag Ullstein GmbH, 1982. L2. Norbert Schappacher, Das mathematische Institut der Universität Göttingen 1929–1950, im Jahr 2000 elektronisch gefasste, lange Version von 1983. L3. L2 in der Fassung von 1998 Teil von L5. L4. Constance Reid, Hilbert-Courant, Springer-Verlag 1986 (englisch). L5. H. Becker, H.-J. Dahms, C. Wegeler, Die Universität Göttingen unter dem Nationalsozialismus, 2. Aufl. 1998 (enthält Kopien der genannten Göttinger Zeitungsartikel und des Telegramms). L6. Norbert Kamp u.a.: Exodus Professorum, Göttingen 1989 (enthält die Friedrichs-Neugebauer-Petition für Courant und andere Zeitdokumente). L7. Wikipedia-Lexikon. Siehe Links im Text. L8. Darstellung des Göttinger Mathematischen Instituts. L9. Reinhard Siegmund-Schultze, Mathematiker auf der Flucht vor Hitler – Quellen und Studien zur Emigration einer Wissenschaft, Braunschweig, Vieweg 1998 (behandelt deutschsprachige Mathematiker). L10. Geschichte der Mathematik in Göttingen von 1735 bis 1933. Gute Übersicht, die auch die großen organisatorischen Leistungen von Felix Klein und Richard Courant würdigt. Stand der Links 6. Februar 2013.
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Der Exodus aus Göttingen 1933 [von Gerhardus]  
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"Mathematik: Der Exodus aus Göttingen 1933" | 10 Comments
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Re: Der Exodus aus Göttingen 1933
von: Ex_Mitglied_40174 am: Mo. 11. Februar 2013 19:44:20
\(\begingroup\) Vielen Dank. Durch diese Zusammenfassung wird die Zerstörung der Kreativität und des Fortschrittes durch den deutschen Faschismus sehr gut deutlich. Vor einiger Zeit habe ich eine Ausstellung über "entartete Kunst" gesehen. Hier wird die gleiche Zerstörung im Bereich der Künste deutlich. Es ist unfaßbar. Rolf Roeder, Frankfurt \(\endgroup\)
 

Re: Der Exodus aus Göttingen 1933
von: Bernhard am: Di. 12. Februar 2013 19:29:10
\(\begingroup\)Hallo Gerhardus! Vielen Dank für diese übersichtliche Chronik! Eigentlich müßte man der heutigen jungen Generation ja erst einmal erzählen, daß Göttingen über Jahrhunderte das Zentrum der mathematischen und physikalischen Forschung war und wer dort an berühmten Persönlichkeiten aus diesen Gebieten hervorgegangen ist. In dem Buch Die Musik der Primzahlen ist übrigens diese historischen Entwicklung in Göttingen sehr gut dargestellt. Hier sind u.a. viele Einzelbiographien und Schicksale bis zum "Mathematischen Exodus" (so ein Artikelname) beschrieben. Viele Grüße, Bernhard\(\endgroup\)
 

Re: Der Exodus aus Göttingen 1933
von: Gerhardus am: Mi. 13. Februar 2013 12:11:09
\(\begingroup\)Lieber Bernhard, danke für deinen Kommentar. Das Buch von Sautoy hatte ich wieder total vergessen (ich vergesse schnell wieder), aber jetzt fällt mir die Reihenfolge der Anstöße wieder ein. Zuerst die beeindruckende Tabelle von Beyerchen, die ich übernommen und ergänzt habe, die eine Schlüsselrolle spielt. Die hatte ich unbewusst im Hinterkopf, als ich den Sautoy gelesen habe, deshalb ist mir aufgefallen (und anderen Kommentatoren nicht), dass der Exodus ein größeres Thema ist. Da mich Hilbert interessiert, habe ich 2011 in Göttingen gefragt, ob etwas geplant ist zum 150. Geburtstag von Hilbert, und kam so mit Prof. Samuel Patterson ins Gespräch, der mich auf Norbert Schappacher aufmerksam machte (siehe meine Links im Quellenverzeichnis). Den letzten Anstoß gab Rebecca mit ihrem matheplanet-Artikel und dem Hinweis auf Beyerchen (!). Dann beim Zusammenstellen, interessierten mich auch die Quellendokumente. Ich kontaktierte das Universitätsarchiv und bekam "ausnahmsweise unberechnet" eine Kopie des erschütternden Telegramms. Ich vermute, dass die Betroffenen zeitlebens nie erfahren haben, dass sie per Telegramm beurlaubt worden sind. Weder bei Beyerchen noch bei C. Reid ist von dem Telegramm die Rede. Beim Schreiben ist mir aufgefallen, dass man in Göttingen 1933 die Mathematik nicht von der Physik trennen kann. Ich finde meinen Artikel wichtig, besonders die Links, und unendlich traurig. Ich habe geweint und muss immer noch weinen. Vermutlich geht es anderen auch so. Als Nächstes würde ich gern über die internationale Kommunikation des mathematischen Zentrums bis 1933 recherchieren. Darüber möchte ich mehr erfahren, habe aber noch keine Tipps in den Göttinger Archiven gefunden. Herzliche Grüße, Gerhardus p.s. Ich habe überlegt, den Jüngeren zu erklären, wie früher ein Telegramm funktionierte, aber dann wäre mein Artikel abgeglitten.\(\endgroup\)
 

Re: Der Exodus aus Göttingen 1933
von: Ex_Mitglied_40174 am: Do. 28. Februar 2013 10:15:30
\(\begingroup\)Danke für deine Arbeit. \(\endgroup\)
 

Re: Der Exodus aus Göttingen 1933
von: ruach am: Do. 21. März 2013 22:43:21
\(\begingroup\)Hallo Gerhardus, vielen Dank für diesen Artikel, den in vor Wochen gelesen und immer wieder aufgesucht habe. Inzwischen ist ja auch noch ein guter Artikel von Rebecca dazugekommen. Was mich getroffen hat, war die Argumentation jenes Studenten im November 1933. Wie argumentiert er und wie kann es sein, dass er trotz seiner Begabungen und als "Freund" der Mathematik so argumentiert? Hier ist für mich einer der vielen Punkte, um zu lernen. Was waren die kleinen feinen Denkfehler und wie können wir sie heute vermeiden. Ich habe einen Teil des Briefes im folgenden mit Kommentaren versehen, um das genauer zu zeigen. Der "Trick" ist, die Mathematik als Gerippe zu töten, um durch das "Fleisch" völlig unmathematische Gedanken an die Mathematik zu kleben, die "das wahre Leben" beinhalten. > ... Es handelt sich für mich nicht darum, Ihnen als Juden Schwierigkeiten zu machen, ## Ausblenden des konkret realen Opfers!!! >sondern lediglich darum, die deutschen Studenten des zweiten Semesters unter möglichster Schonung aller übrigen davor zu bewahren, ## Schutz von Bedrohten als Motivation, Opfer-Täter Verdrehung >gerade in der Differential- und Integralrechnung von einem ihnen ganz fremdrassigen Lehrer unterrichtet zu werden. ## Unterricht durch fremde "Rasse" als Bedrohung >Ich wage so wenig wie jeder andere Ihre Fähigkeit der rein international-mathematisch-wissenschaftlichen Belehrung von geeigneten Studenten beliebiger Abstammung zu bezweifeln. ## Anerkennung der persönlichen Leistungen des jüdischen Professors und einer Internationalität der Mathematik, nebenbei Grenzziehung zwischen zwei Belehrungen >Aber ich weiß auch, daß viele akademische Vorlesungen, insbesondere auch die Differential- und Integralrechnung, zugleich erzieherischen Wert haben und den Schüler nicht nur in eine neue Begriffswelt, sondern auch zu einer anderen geistigen Einstellung führen. ## Zusammenhang von Inhalt und Erziehung, Auswirkungen auf die geistige Einstellung, sehr globale Rede >Da aber die geistige Einstellung des einzelnen von seinem Geiste, der da umgestellt werden soll, abhängt, ## die geistige Einstellung des Deutschen? >dieser Geist aber nach nicht nur jetzt, sondern schon lange bekannten Grundsätzen ganz wesentlich von der rassischen Zusammensetzung des einzelnen abhängt, ## Zusammenhang Geist und Rasse durch unklaren Bezug auf "lange bekannte" (vor der NS Zeit?) "Grundsätze", >dürfte es sich im allgemeinen nicht empfehlen, z. B. arische Schüler von einem jüdischen Lehrer ausbilden zu lassen. ## Konjunktiv und "z.B." beinhalten eine doppelte Abschwächung oder auch Unsicherheit? >Ich kann hier aus eigener anderweitiger Erfahrung sprechen. ## unklare Ergänzung durch persönliche Erfahrungen... >Dem Schüler bleiben da eigentlich nur zwei Wege: Entweder er zieht aus dem Vortrag des Lehrers nur das international-mathematische Gerippe heraus und umkleidet es mit eigenem Fleisch. ## Die Mathematik wird hier zum toten Gerippe!! Das eigene Fleisch - die Rasse zum Lebendigen >Das ist eine mathematisch-philosophisch produktive Arbeit, der nur die wenigsten gewachsen sind. ## Entmündigung der Masse und Verbindung von Rassendenken mit der Philosophie - sehr unklare Sprache >Die Übrigen lassen den Vortrag nur auf ihr Gedächtnis und auf die äußerste Oberfläche ihres Verstandes wirken ## Psychologisieren über die inneren Vorgänge in anderen Menschen, über die Wirkung der Mathematik auf die äussere Oberfläche des Verstandes... >und bemühen sich, nach dem Staatsexamen all den höheren Kram möglichst rasch zu vergessen. ## Welchen Kram? den Helden oben werden die Ignoranten gegenübergestellt >Der dritte Weg, den Stoff in der fremden Form zu übernehmen, ## Stoff = Gerippe fremde Form = jüdisches "Fleisch" >führt zu einer geistigen Degeneration, ## Diese plötzliche Behauptung der "geistigen Degeneration" scheint man nicht belegen/erklären zu müssen? >die Sie einem Studenten heutzutage nicht gut zumuten können und wohl auch nicht wollen. ## moderne Überheblichkeit und Appell an das Erziehungsethos des Lehrers >Die Möglichkeit aber, daß Sie den mathematischen Kern ohne eigene nationale Färbung Ihren Hörern vermitteln, besteht so wenig, als es sicher ist, daß ein Gerippe ohne Fleisch nicht läuft, sondern zusammensackt und verwittert. ## Die Behauptung erstmals im Klartext: ## Mathematik=Gerippe und Nationalität=lebendiges Fleisch sind im Vortrag immer untrennbar verbunden ## Es wird um den Kern der Mathematik ein "FleischKonstrukt" proklamiert, um die Mathematik zu isolieren und zu töten. ## Weiterargumentiert wird nun nur mit der importierten Ideologie, wobei er sich gleichzeitig vom Antisemitismus zu distanzieren versucht .... In meinem Leben hatte ich viel mit Allegorien zu tun, die völlig beliebig Inhalte in ganz anders gemeinte Texte importiert haben oder mit Dualismen, die so radikal aufgestellt wurden, dass übersehen wurde, dass es meist viel mehr gibt, als schwarz und weiß. Wir-Narzissmus, Gehirnwäsche, Angstmacherei, Selbstradikalisierungen, Taubheit für jede Kritik von außen, ... all das gibt es auch heute immer wieder neu. Darum macht es Sinn sich mit den Verirrungen von damals zu beschäftigen und analoge Irrtümer heute zu suchen. Solange die ganzen Denkfehler im Dunstkreis des Nationalsozialismus nicht aufgearbeitet sind, dürfen wir nicht ruhen und müssen der Wirklichkeit von damals und von heute ins Gesicht sehen lernen. Viele Grüße und nochmals vielen Dank für Deine Arbeit und diesen Artkel ruach PS: Was mich auch noch bewegt. Wie konnte man in Deutschland damals die geschichtlichen Aussagen der Nationalsozialisten akzeptieren. Warum ging damals kein Aufschrei durch das Land seitens der Geschichtsforschung? (Nebenbei wurde mir selbst erst vor kurzem klar(er), welche Rolle die Mathematik der Babylonier und Agypter gespielt hat und wie sehr Thales und andere darauf aufbauen, ähnlich wie Europa auf den Arbeiten der arabischen Gelehrten.) \(\endgroup\)
 

Re: Der Exodus aus Göttingen 1933
von: Bernhard am: Sa. 23. März 2013 00:14:20
\(\begingroup\)Hallo ruach! Du fragst: \quoteonWas mich auch noch bewegt. Wie konnte man in Deutschland damals die geschichtlichen Aussagen der Nationalsozialisten akzeptieren. Warum ging damals kein Aufschrei durch das Land seitens der Geschichtsforschung? \quoteoff Sie Dir z.B. die (schon Jahrzehnte andauernde) Stimmungsmache und Medienpolitik in Italien an! Warum wollen die lieber Mafia, Korruption, einen Bunga-Bunga-Präsidenten, der die Rechte des Parlaments und der Gerichte beschneidet, haben, als sich zusammen aufraffen, um wirklich mal auf ein sicheres, stabileres und vor allem höheres Niveau zu kommen? Stattdessen schaffen sie sich Feindbilder indem sie alle, die ihnen - aus Ihrer Sicht - nicht helfen wollen, also nicht bedingungslos Geld hergeben wollen, in ihren Zeitungen und Medien anprangern, allen voran Fr. Merkel, die mit Hakenkreuz abgedruckt wird. Solche populistischen Stimmen (die Medien sind ja sowieso fast alle in einer - Berlusconis - Hand) schweißen die Menschen natürlich innerlich zusammen. Insbesondere diejenigen, die sich keine Zeit nehmen (können oder wollen), die Medien kritisch zu hinterfragen, vielleicht auch weil sie Nachteile befürchten. Und die Zahl dieser Leute hat in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen. Oder schaue Dir die Entwicklung heute in Ungarn an! Mich wundert eigentlich, daß man sich hierzulande um ein NPD-Verbot streitet und darum, ob diese Partei wirklich eine echte Gefahr für die Grundwerte unserer Verfassung darstellte (nur dann käme solch ein verbot nämlich durch!), während in Ungarn solch eine Partei bereits die 2/3-Mehrheit hat und die wichtigsten demokratischen Grundsätze der EU auszuhebeln beginnt - und das noch nicht einmal im geheimen, sondern ganz offiziell. Übrigens sind dort auch bereits gesetze zur Unterdrückung von Minderheiten, Rassismus (gegenüber den Roma), Nachteile gegenüber nicht "Linientreuen" usw. erlassen worden. Aber alles schaut weg. Viele Grüße, Bernhard\(\endgroup\)
 

Re: Der Exodus aus Göttingen 1933
von: Gerhardus am: Sa. 23. März 2013 21:56:37
\(\begingroup\)Von dem Teichmüller-Brief habe ich die zweite Hälfte in meinen Text übernommen und mich über den breiten Raum seiner Wirrnisse geärgert. Aber so sieht man, wie Teichmüllers authentische Argumentationsversuche grundlos und widersprüchlich sind. Der Rassismus basiert wie der Glauben an Dämonen und Hexen auf Angst und Misstrauen. Schon das einzig wesentliche Kriterium, das der Religionszugehörigkeit (von Vorfahren) ist absurd. Vielleicht spielt T. mit dem "mathematischen Gerippe" auf den unanschaulichen formalen "Landau-Stil" an. Alles was T. gegen Landau vorbringt, müsste er nachweisen können. Weil er das nicht kann, sind seine Worte absurd und enden damit, dass er Landau den Rückzug in den Ruhestand schmackhaft macht. Historiker schreien nicht, nur die Medien schreien. Viele Historiker gleichen Höhlenmenschen, die ihre Quellen auswerten. Damit haben sie aber nur den Blickwinkel des Archivs oder der Person, die sie befragen. A. Beyerchen war da noch relativ vielseitig, C. Reid hielt sich hauptsächlich an den Freundeskreis um Courant, N. Schappacher an das Archiv der Universität Göttingen. Für sie alle war das Berliner Kultusministerium eine Blackbox. Auch ich konnte nichts über die Abläufe dort finden. Mit meinen Links gelingt es mir, auch die großen Verbrecher B. Rust und T. Vahlen vorzustellen. Erst das Artikelschreiben machte sie mir bewusst vorher waren sie völlig unbekannt. Vielleicht hat das "Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin" noch Material. Ein Zeitungsartikel machte mich jetzt auf die Historikerin Anne C. Nagel von der Universität Gießen aufmerksam, die drei Jahre lang die Akten des Ministeriums von B. Rust im Bundesarchiv Berlin Lichterfelde durchforscht hat und dann "Hitlers Bildungsreformer" geschrieben hat, ein Buch von entsetzlicher Naivität und Unwissenheit, ein unglaublicher Versuch, den Wüstling in die Reihe der großen Bildungsreformer zu stellen. Dazu gab es Interviews in der ZEIT, im Gießener Anzeiger und Deutschlandfunk . Wie in ihrem Buch wiederholt sie: "Entlassen oder abgeschoben wurden unter anderem: 2581 Studienräte in Preußen, das waren 46 Prozent! Von den Volksschullehrern traf es 3343 (3 Prozent) und 478 Professoren (13 Prozent). Der hohe Anteil sanktionierter Studienräte zeigt, wie erfolgreich die Weimarer Kultuspolitik republiktreues Personal in die höheren Schulen befördert hatte." Mehr weiß sie nicht zur Zerstörung des gesamten Bildungswesens zu sagen, um sich dann über Rusts Visionen auszulassen. Als wäre das alles normal! Solche Scheuklappen sind eine Rarität, oder steckt Absicht dahinter? Der Fischer TB-Verlag im Begleittext: "Ihr Buch ... wird ein unverzichtbares Standardwerk zur deutschen Erziehungsgeschichte werden." Ich habe Frau Nagel einen Link zu meinem Artikel geschickt, worauf sie lapidar meinte, inzwischen sei freilich gut bekannt, wie sich die Entlassungspolitik 1933ff. und der damit verbundene ungeheure Verlust für die deutsche Wissenschaft auswirkte. Die Verniedlichung des größten Bildungsvernichters der deutschen Geschichte, eines der NS-Hauptverbrecher, müsste eigentlich den lauten Protest unserer Bildungs- und Wissenschaftswelt hervorrufen. Diese aber schweigt, weil sie B. Rust vergessen hat. \(\endgroup\)
 

Re: Der Exodus aus Göttingen 1933
von: Rebecca am: Sa. 23. März 2013 23:24:08
\(\begingroup\)\quoteon Dazu gab es Interviews in der ZEIT, im Gießener Anzeiger und Deutschlandfunk . \quoteoff Falsch: Nur der Beitrag in der ZEIT ist ein Interview. \(\endgroup\)
 

Re: Der Exodus aus Göttingen 1933
von: Gerhardus am: Di. 26. März 2013 12:05:41
\(\begingroup\)Danke, Rebecca, für die Korrektur. Unglaublich, was du angestoßen hast! Ich lerne viel von dir! Kritik ist gut gegen meine Angst, mich zu irren. Hier noch eine Korrektur zu meinem Artikel, wo steht, dass keiner der Betroffenen aus eigenem Antrieb darüber sprechen konnte. Max Born schrieb in seinem Buch "Mein Leben" (München 1975 S. 340 f.): "Am ... 25. April 1933 brachten die Zeitungen eine Liste der entlassenen Beamten, darunter einige Professoren und Dozenten der Universität. Auf dieser Liste stand mein Name, der von Courant und anderen Männern jüdischer Herkunft. Obwohl wir dies erwartet hatten, traf es uns schwer. Alles, was ich in zwölf Jahren harter Arbeit in Göttingen aufgebaut hatte, war vernichtet. Es kam mir vor wie das Ende der Welt. Voll Verzweiflung lief ich durch die Wälder und grübelte, wie ich meine Familie retten sollte. Wenn ich heimkam, schien sich nichts geändert zu haben. Hedi hielt den Kopf hoch und zeigte keine Verzweiflung. Dann begannen Besucher vorbeizuschauen, um ihr Mitgefühl auszudrücken..."\(\endgroup\)
 

Re: Der Exodus aus Göttingen 1933
von: Aaba-Aaba am: Do. 25. April 2013 00:41:22
\(\begingroup\)Hallo, ergänzend möchte ich auf das Scheitern der Weimarer Republik hinweisen. Die bekanntesten Fakten sind sicherlich die Inflationszeit bis 1923, die Weltwirtschaftskrise ab 1929 und die Bezahlung von Reparationen an Frankreich und Großbritannien nach dem Versailler Vertrag. "Am 29. Januar 1921 forderten die Alliierten in Paris 269 Mrd. Goldmark in 42(!) Jahresraten, ..." (wikipedia.de) Daneben gab es aber noch viele weitere gravierende Ereignisse. Eine besonders schwere Grippe führte 1918/19 zu extrem vielen Toten in Europa. 1920 gab es eine Hungerkrise in Mitteldeutschland. Ende 1923 gab es in Europa eine allgemeine Krise mit Arbeitslosigkeit und Finanzproblemen (a). Ende 1927 hatte die Verschuldung der deutschen Bauern die Marke von 7 Milliarden Mark erreicht (b). Als Beispiele für die Instabilität der Weimarer Zeit können gelten: - die Münchner Räterepublik von 1919 - der Hitlerputsch in München 1923 - die Ermordung des deutschen Außenministers Rathenau im Jahr 1922 Und parallel dazu das Erstarken der Splitterpartei NSDAP zur Massenpartei. Gruß A. ----------- (a) - fast 2 Millionen Arbeitslose in Großbritannien, Finanzkrise in Rumänien, revolutionärer Zustand in Griechenland, usw. usw. siehe Facsimile Querschnitt "Berliner Illustrirte Zeitung" S.123 - 30.12.1923 (b) "Die hohen Belastungen vor allem der kleinen und mittleren Bauernhöfe mit Steuern und sonstigen Abgaben und die nicht mehr rentable Rinder- und Schweinezucht führten bis Ende 1927 bereits zu einer Gesamtverschuldung von rd.7 Milliarden Mark in der Landwirtschaft." (Theo Reubel-Ciani "Der Katalog" Konsumkultur, Zeitgeist und Zeitgeschichte im Spiegel der Quelle-Kataloge 1927-1991 S.58)\(\endgroup\)
 

 
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