Physik: Eine fluoreszierende Angelegenheit
Released by matroid on So. 11. November 2007 19:21:06 [Statistics]
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Bildung

\(\begingroup\) Bild "Los, wackel doch mal ein Bisschen mit dem Hinter, Baby!", Schreit mir so ein betrunkener Vollidiot entgegen. Ich zeig ihm den Mittelfinger und schrei etwas zurück, was ich hier lieber nicht aufschreiben möchte. Es ist Samstagabend. Ich bin in einer schrecklich langweiligen Disko und muss mir blöde Anmachen von hässlichen Kerlen gefallen lassen. Und warum? Weil meine Freundin hier den Kumpels von ihrem Neuen vorgeführt wird und ich muss natürlich Händchen halten. Hab mich aber weggeschlichen. Die Kumpels warn genauso langweilig wie dieser Schuppen hier. Aus den Boxen dröhnt plötzlich „NERD“ eine verdammt heiße Gruppe. Ich schwing mich also auf die Tanzfläche, bin grad voll gut dabei, als alles um mich herum voll grün beleuchtet wird. Ist ja geil, denk ich mir, das ist ja echt total intensives grün. Ich würde fast sagen es fluoresziert!

Plötzlich verschwimmen auch die Konturen die eben noch die Menschen um mich herum gekennzeichnet haben. Ich bleib entsetzt stehen. „Scheiße, was geht denn hier ab?“ Ich starre auf grün. Es fluoresziert. Und es ist grün. „Hallo? Wie kommen Sie hier rein?“ Ich schrecke auf. Neben mir steht eine junge Frau, die ein wenig zersauselt auf dem Kopf aussieht und komische Klamotten an hat. „Häh? Ich hab doch Eintritt bezahlt!“ „Eintritt?“, fragt die Frau mich verwirrt. Ich sehe mich um und erkenne plötzlich das ich gar nicht mehr in der Disko bin, sondern in einer Art Kohlenlager oder so was. Jedenfalls liegen hier Berge von schwarzem Zeug rum, das aussieht wie Kohle. Und dann sind da noch Unmengen von Geräten. In einem Glaskolben vor mir entdecke ich die grün fluoreszierende Masse. Alles klar, denk ich mir so. Das ist wohl wieder eine dieser Zeitreisen. "Ähm... und Sie sind?", frage ich die struppige Frau. "Marie Sklodowska! Ach ich meine Curie! Ich habe immer noch nicht ganz verinnerlicht das ich verheiratet bin. Aber jetzt würde ich gerne wissen was Sie in diesem Labor zu suchen haben? Und wer sind Sie überhaupt?" Ich starre Sie erschrocken an! Marie Curie! Marie! Ist sie etwa die Lösung, die mich von dieser ewigen Zeitreiserei befreit? "Mein Name ist auch Marie. Ich bin hier weil ich durch die Zeit reise um berühmten Wissenschaftlern bei der Arbeit zuzuschaun." Die Marie vor mir schaut mich entsetzt an und redet etwas auf Polnisch. Dann sagt sie: "Mon dieu, Tante Olga hatte also doch recht!" Ich muss schon sagen das diese Frau wirklich bemerkenswert ist. Sie schaft es nicht nur mich mit polnischen Wortfetzen zu verwirren, nein jetzt fängt sie auch noch mit Französisch an. "Warum reden Sie denn Französisch?", frage ich sie irritiert. "Weil wir in Frankreich sind!", antwortet Sie. Ich setz mich erstmal auf einen dieser pekigen Kohlensäcke. Mir fällt ein Schriftzug auf, der sich auf dem Sack befindet: "Pechblende". "Achso, also keine Kohle. Pechblende. Ja klar! Hatten wir doch in Chemie, da drin hat die Curie dieses komische Element gefunden." "Bitte?", fragt mich Marie Curie etwas verwirrt. Sie war wohl in Gedanken noch bei ihrer Tante Olga. "Na, das hier.", ich zeige auf das grün fluoreszierende Ding in dem Glaskolben. "Das haben Sie doch gerade entdeckt, oder?" "Ja, es weist ebenso wie Uranium eine Strahlung auf. Desswegen denke ich das "Radius" als Name ganz passend wäre." Auf meinen fragenden Blick hin ergänzt sie: "Radius kommt aus dem Latein und bedeutet Strahl." "Achso, ja das ist wohl passend. Leuchtet es desswegen so? Weil es strahlt?" "Es leuchtet nur wenn es dunkel ist. Normalerweise ist es eher silbrig glänzend und ganz weich. Wir müssen es in diesem Glaskolben aufbewahren, weil es sich an der Luft sofort schwarz färben würde. Wissen Sie, wir haben hier ein ganz neues Phänomen entdeckt. In diesem Jahr wurde durch einen Kollegen ein Element gefunden, dass ebenfalls strahlt. Er nannte es Uran. Aber mein Mann und ich haben durch unsere Arbeit mit der Pechblende heraus gefunden, das es ein Element geben muss, welches eine größere Strahlung hat, als die des Urans. Und hier haben wir es entdeckt: Ein neues strahlendes Element! Daraus folgt, dass das Phänomen der Strahlung nicht nur auf ein einziges Element zurückzuführen ist." "Ihr Mann Pierre Curie? Seit wann sind Sie eigentlich verheiratet?" Marie strahlt mich an. "Seit dem 25.Juli letzten Jahres!" Toll, denk ich mir, dass hilft mir natürlich, wo ich ja auch weiß wann Marie Curie gelebt hat. "Wann war denn letztes Jahr?", frage ich sie also. "Letztes Jahr?", Maries Lächeln gefriert so schnell wie es erschienen war. "Vor einem Jahr würd ich wohl meinen!" Ich verdreh die Augen. "Ach, dass hatte ich für einen Moment vergessen! Sie sind ja eine Zeitreisende! Wir haben das Jahr 1896!"
Marie fasst sich in die Haare und zerstrubelt ihre ohnehin krause Mähne nur noch mehr. Sie lässt sich erschöpft auf einen der Pechbländesäcke neben mir sinken. "Wissen Sie, die ganze Zeit und Arbeit die mein Mann und ich in dieses Projekt gesteckt haben, hat sich tatsächlich gelohnt!" Die Frau die vor mir sitzt scheint wirklich ein interessantes Leben zu haben, also frage ich Sie, wie sie hier her gekommen ist. "Ich wurde in Warschau geboren. Mit Physik und Mathematik bin ich aufgewachsen und so war es nicht überraschend das ich nach Paris ging um dort eben diese beiden Fächer zu studieren. Allerdings konnte ich mir diesen Wunsch nicht direkt nach der Schule erfüllen. Sie müssen wissen, dass meine Familie nicht viel Geld hatte und zunächst war meine Schwester an der Reihe mit ihrem Studium. Vor etwa einem Jahr habe ich hier meinen Mann Pierre kennengelernt. Mit ihm zusammen habe ich lange nach dem Radius-Element gesucht!Vor Kurzem habe ich ein anderes strahlendes Element entdeckt und es nach meiner Heimat benannt." "Polonium?", frage ich gespannt. "Und das Radius-Element nennen Sie dann Radium!" Marie fängt an zu lachen. "Wie kommen Sie denn darauf?" "Naja, die Elemente haben doch alle so komische Namen! Und Sie haben wirklich Physik studiert? Ich dachte immer Sie wären Chemikerin!" Ich muss an den Nobelpreis für Chemie denken, den Marie Curie irgendwann bekommt. Hab vergessen wann... "Nein, ich bin Physikerin! Aber ich denke, dass diese Wissenschaften sich ineinander ergänzen. Sie sollten sich also nicht nur auf eine Wissenschaft fixieren, wenn Sie später einmal selbst forschen!" "Ich und forschen? Wie kommen Sie denn darauf?", ich muss lachen. "Also denken Sie bloß nicht ich würde hier freiwillig durch die Zeit reisen und mir diesen ganzen Kram anhören." "Natürlich tun Sie das! Tante Olga hat mir ihre Geschichte schon erzählt, da war ich noch ein Kind!" Ich falle fast vom Pechblendesack. "Ihre Tante kennt mich?" "Aber natürlich!", Marie springt auf und zappelt mir ihren Armen rum, wärend Sie weiter spricht. "Meine Tante hat mir von einer jungen Frau erzählt, die durch einen misteriösen Unfall die Gabe besitzt Wissen zu erlangen, welches allen anderen verschlossen bleibt. Diese Frau reiste ihr ganzes Leben von einem Zeitalter zum anderen und redete mit wichtigen Menschen der Wissenschaft. Als alte Greisin besuchte sie schließlich meine Tante und erzählte ihr ihre Geschichte. Dabei erwähnte sie auch, dass sie mich getroffen hatte und ich ihr erzählt habe, dass meine Tante Olga mir von ihr erzählt hat!" "Moment!", ich bin erschlagen von diesem Redefluss. "Häh? Sie erzählen mir, dass ich ihrer Tante erzählt hab, dass Sie mir erzählt haben, dass ihre Tante Ihnen von mir erzählt hat?" Marie wiederholt den Satz noch einmal in Gedanken. "Richtig!", sagt sie dann. "Aber," folgere ich, "wenn Sie mir das gerade nicht erzählt hätten, wäre ich nie zu ihrer Tante gereist und Sie könnten mir das nie erzählen!" "Richtig!", sagt Marie wieder. "Aber," folgere ich weiter. "Das ist doch total paradox! Wie soll das denn gehn? Das ist wie dieses Ding mit dem Wurmloch in das man einen Ball wirft, der dann in die Vergangenheit reist und wieder rauskommt bevor man den eigentlichen Ball überhaupt geworfen hat! Und dann stellt sich die Frage was passiert, wenn man den Ball, nachdem der Ball aus der Zukunft gekommen ist, nicht wirft. Dann hat man zwei Bälle!" Marie schaut mich verwirrt an. "Was ist ein Wurmloch?" "Äh, nicht so wichtig.", sage ich schnell, ich weiß es nämlich selbst nicht so genau.
"Okay. Also und was hat Tante Olga noch gesagt? Was ist mit mir passiert?" Marie zuckt mit den Schultern. "Nichts. Sie haben gesagt, dass Sie alles erreicht haben, was Sie sich versprochen hatten. Ich glaube Tante Olga sagte, Sie hätten die Quantenmechanik mit der Allgemeinen Relativitätstheorie vereint... ich weiß allerdings nicht was sie damit meinte. Naja und dann sind Sie gestorben. Und zwar in unserer Zeit. " Ich muss ziemlich schwer schlucken als Marie das sagte. Gestorben. Daran wollte ich eigentlich noch nicht denken. Aber was ich da angeblich noch machen werde hört sich ja sehr wichtig an. Quantenmechanik und Allgemeine Relativitätstheorie vereinen! So, so... "Nun ja", sagt Marie und schaut aus dem Fenster. Der Himmel färbt sich bereits rot vom Sonnenaufgang. "Ich werde wohl bald nach Hause gehn und schlafen. Haben Sie noch Fragen?" Ich überlege kurz. "Was haben Sie mit ihrem Leben noch vor? Was möchten Sie noch erreichen?" Marie antwortet recht schnell. "Ich möchte gerne Kinder haben, am liebsten Mädchen. Und ich fände es sehr schön eines Tages an der Sorbonne in Paris unterrichten zu können. Das wäre eine große Ehre, weil ich dort auch mein Studium abgeschlossen hab. Und ich wäre die erste Frau die dort lehrt!" Das ist ein guter Plan, denk ich mir im Stillen. Ich stehe auf und gehe noch einmal zu dem grünen Radium. "Was genau ist eigentlich diese Strahlung?", frage ich. "Nun ja, man kann es so erklären: Das Radiumatom strahlt permanent Materie ab. Wir nennen die Form der Strahlung \alpha\-Strahlung. Zwei Eisenbahnwaggons voll Pechblende haben wir ausarbeiten müssen um diese Menge Radium zu erhalten! Es ist ein sehr seltenes Element!" "Zwei Eisenbahnwaggons?", frage ich entsetzt. Also wenn das Forschung war, war es garantiert nichts für mich! "Ja, aber das ist es wert gewesen!", sagt Marie stolz. Sie gähnt einmal herzlich und ich merke, dass ich mich besser verabschieden sollte. Ich wünsche ihr eine gute Nacht , beziehungsweise einen guten Morgen. Marie rät mir noch das ich den suchen soll, der aus einem Loch strahlt, dass alles andere verschlingt. Kein Plan, ey. Ich glaub die gute Frau hat in dieser Nacht ein Bisschen zu viel Pechblende schnuppern müssen. Also, ich Tschüss gesagt, zurück in meine Zeit. Ich lande wieder in dieser langweiligen Disko. Meine Freundin fängt mich am Ausgang ab. Sie ist total verheult. "Mensch wo warst du denn? Ich hab mit Marco Schluss gemacht! Dieses Arschloch!" Ich muss kurz überlegen. Marco? Wer war nochmal Marco? Ach ja, ihr Neuer. "Äh... das ist ja tragisch Süße!", sage ich und zieh sie an der Hand aus der Disko. Nachdem sie sich ausgeheult hatte wie schlimm doch alles war und das man den Kerl mal ordentlich in die Schranken weisen sollte, damit der mal erwachsen wird. Ich weiß auch nicht so genau was er jetzt eigentlich angestellt hatte, aber ich sage: "Wie schon eine alte Freundin von mir meinte: Man merkt nie, was schon getan wurde, man sieht immer nur, was noch zu tun bleibt!"
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"Physik: Eine fluoreszierende Angelegenheit" | 7 Comments
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Re: Eine fluroeszierende Angelegenheit
von: Taiko am: So. 11. November 2007 20:37:28
\(\begingroup\)Nettere Artikel! Bitte mehr davon!\(\endgroup\)
 

Re: Eine fluroeszierende Angelegenheit
von: Plex_Inphinity am: So. 11. November 2007 23:30:59
\(\begingroup\)Hallo, nette Geschichte! Bin dann ja mal gespannt wohin dich die nächste Zeitreise führen wird. 😄 Gruß Plex\(\endgroup\)
 

Re: Eine fluroeszierende Angelegenheit
von: John_Matrix am: Mo. 12. November 2007 03:54:13
\(\begingroup\)Phantasievoll und ambitioniert, da kann man nur gratulieren ...!!-) Besuchst Du eigentlich grundsaetzlich nur Damen auf Deinen zeitlichen Abstechern ? 😉 \(\endgroup\)
 

Re: Eine fluroeszierende Angelegenheit
von: huepfer am: Mo. 12. November 2007 08:33:52
\(\begingroup\)Hallo Jenny, das war wieder ein schöner Artikel von Dir. Ich hoffe, dass das keine Anspielung darauf war, dass das der letzte Artikel sein soll. @John_Matrix, da waren auch durchaus Männer dabei, siehe hier. Gruß, Felix\(\endgroup\)
 

Re: Eine fluroeszierende Angelegenheit
von: mudo-san am: Mo. 12. November 2007 13:04:43
\(\begingroup\)Hallo! Freut mich das euch auch dieser Artikel gefällt! Und keine Angst, dass ist noch nicht Maries letzte Reise! 😄 Liebe Grüße Jenny\(\endgroup\)
 

Re: Eine fluroeszierende Angelegenheit
von: FlorianM am: Mi. 14. November 2007 10:19:38
\(\begingroup\)Hi Jenny, Klasse Geschichte! 😄 Gefiel mir wieder sehr gut! 😄 Gruss Florian\(\endgroup\)
 

Re: Eine fluroeszierende Angelegenheit
von: arTobi am: So. 18. November 2007 10:04:16
\(\begingroup\)Echt cool! Gut geschrieben! Hab sie immer alle gern gelesen ...\(\endgroup\)
 

 
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