buhs Montagsreport: Reformation der Reform
Released by matroid on Mo. 15. Oktober 2018 19:12:51 [Statistics]
Written by buh - 485 x read [Outline] Printable version Printer-friendly version -  Choose language   
Bildung

\(\begingroup\)
Urlogo für buhs Montagsreport
Reformation der Reform

Rechnen durch Raten findet nicht (mehr) statt


Berlin. Als ich vor drei Jahren ”Revolution im Matheunterricht” schrieb, fehlten mir letztlich belastbare Untersuchungen, um meine These, der ganze ganzheitliche Erfassungsquark bei 5-6-Jährigen sei kontraproduktiv, wissenschaftlich zu untermauern.
Also durfte Jürgen Reichens* Satz zur Fibel „Jetzt wird über die Kinder die schulische Fremdherrschaft errichtet, und die Kinder müssen sich fortan nicht nur der Familie, sondern auch der Gesellschaft und dem Staat unterwerfen.“** weiterhin das Lesen-durch-Schreiben in D-A-CHs Schulen anrichten. Bis heute.


Also fast bis heute. Denn eine gewisse Frau Britta Ernst, seit einiger Zeit Brandenburgs Bildungsministerin, lässt Ernst machen und ab 2019 wieder mit der klassischen Vielfalt-Fibel (Anlauttabelle, Wörterbuch, nur richtig Geschriebenes…) statt mit der „Lärne lehsen mittem Schreihm“-Methode oder der Rechtschreibwerkstatt in der Grundschule arbeiten.

Dieser Umschwung gründet sich auf eine Untersuchung*** in Bonn, in der nachgewiesen werden konnte, dass Kinder, die mit LdS bzw. Rechtschreibwerkstatt im Anfangsunterricht begnadet wurden, in der Folge zwischen 55% (LdS) und 105% mehr Rechtschreibfehler machten als „herkömmlich“ unterrichtete.

Also alles wieder gut? Neiiiin. Das nächste selbstbestimmte ganzheitliche Schriftkonzept kommt mit Herrn Hans Brügelmann und verheißt dem Grundschüler totale Freiheit bei der Gestaltung seiner Schrift.
Man muss ja nicht lesen können, was der andere so handschreibt****…

Und wenn die letzte Schraube mit dem Hammer eingeschlagen, das letzte X als U gemeißelt und der letzte Mikrochip wieder begehbar ist, dann werden wir merken, dass auch Feinmotorik ein Ergebnis vieler Tätigkeiten ist,

meint
buh2k+18

*: Herr Reichen ist konsequenter Verfechter des ganzheitlichen, eigenbestimmten und freien Lernens. Und Erfinder von LdS (1972)
**: Der gesellschaftskritische Bezug zielt auf die Inhalte, die in der Fibel verwendet werden.
***: Näheres dazu siehe unter HIER, in der Ergebnisse von Frau Prof. Dr. Una Röhr-Sendlmeier und Tobias Kuhl dargestellt werden.
****: Hoffentlich evaluieren wir schneller (unter 50 Jahren) als beim letzten Mal, dass die Abschaffung der Schreibschrift ein großer Schritt nach vorn auf dem Weg zur Analphabetisierung ist.


\(\endgroup\)
Get link to this article Get link to this article  Printable version Printer-friendly version -  Choose language     Kommentare zeigen Comments  
pdfFür diesen Artikel gibt es keine pdf-Datei


Arbeitsgruppe Alexandria Dieser Artikel ist nicht im Verzeichnis der Arbeitsgruppe Alexandria eingetragen.
[Die Arbeitsgruppe Alexandria katalogisiert die Artikel auf dem Matheplaneten]

 
 
Aufrufzähler 485


[Top of page]

"buhs Montagsreport: Reformation der Reform" | 5 Comments
The authors of the comments are responsible for the content.

Re: Reformation der Reform
von: Bernhard am: Mo. 15. Oktober 2018 22:38:57
\(\begingroup\)
Hallo!

…, dass die Abschaffung der Schreibschrift ein großer Schritt nach vorn auf dem Weg zur Analphabetisierung ist.

Mitnichten! Man sollte nur wieder zurückkehren zu den alten Handis. Auf einem kleinen Nokia eine SMS zu schreiben, war eine ganz schöne Herausforderung und hat die Feinmotorik wirklich ganz ordendlich trainiert!
Also ab jetzt alle Klassenarbeiten auf Nokia - ohne selbstergänzende oder korrigierende Schreibprogramme. Was glaubst Du, wie schnell dann alle wieder mit dem Füller schreiben wollen, wo man wenigstens einen Tintenkiller hat.  

Viele Grüße, Bernhard\(\endgroup\)
 

Re: Reformation der Reform
von: Kitaktus am: Mi. 17. Oktober 2018 09:58:12
\(\begingroup\)
Der Link funktioniert nicht, weil am Ende ein Komma zu viel ist.

Die Pressemitteilung der Uni sagt leider nichts darüber, ob außer der durchschnittlichen Fehlerzahl auch andere Aspekte des Schreibens untersucht wurden.
Es gibt z.B. die These, dass durch "Lesen durch Schreiben" die Bereitschaft der Schüler erhöht wird, überhaupt etwas -- von sich aus -- zu schreiben.
Der Fibelansatz baut einen "schriftsprachlichen Grundwortschatz" auf und es besteht die Gefahr, dass sich die Schüler dann nicht trauen, dieses sichere Terrain zu verlassen. Das Problem wird durch diesen Witz schön illustriert:

Finden zwei Polizeibeamte eine Leiche vor einem Gymnasium.
Fragt der eine den anderen: "du, wie schreibt man denn Gymnasium?"
Der andere überlegt und sagt: "Schleppen wir ihn zur Post!"


Allein die Fehlerzahl zu zählen, ist meiner Meinung nach zu wenig aussagekräftig. So groß ist der Unterschied zwischen zwei Fehlern und drei Fehlern auch wieder nicht, dass man dafür alle anderen Aspekte unter den Tisch fallen lassen sollte.\(\endgroup\)
 

Re: Reformation der Reform
von: buh am: Mi. 17. Oktober 2018 22:13:33
\(\begingroup\)
Dank an matroid: Linkfehler behoben.

@Kitaktus:
-1. Schön, dass wir uns nach drei Jahren beim selben Thema wiederschreiben.

1. Worum geht es? Nein, falsch; vorher:

0. Worum geht es nicht?
Es geht nicht um Menschen, die, egal aus welchen Gründen,  Probleme mit Orthographie/(Orthografie)/Grammatik haben, es geht nicht um Menschen, denen das Lesen und Schreiben schwerfällt.
Es geht nicht um die wenigen wirklich hochbegabten ganzheitlich selbstlernenden Wunderkinder und nicht um Kinder, denen der Zugang zu Sprache/Kommunikation mehr oder weniger verwehrt ist.

1. Es geht um die überwiegende Mehrheit von Kindern, denen in der (staatlichen) Grundschule die Grundzüge von (unverzichtbarer) schriftlicher Kommunikation, die (heutzutage*)sehr wohl verbindlicher Regeln** bedarf, beigebracht werden***, damit sie überleben können.

2. Zum Thema:
Als Mathelehrer mit der Lizenz zum "Deutschunterricht für Ausländer und alle anderen****" und mit 40-jähriger Berufserfahrung kann ich durchaus (ohne Statistik) feststellen, dass man 5-7-Jährigen i.d.R. weder ein ganzheitliches noch ein vollfrei(heitlich)es noch ein ungelenktes Erlernen der nichtartikulierten Kommunikation anheimstellen kann.
Die Methode, durch "Freude am Schreiben"****** dem Kind die "Freiheit des richtigen Schreibens" zu ermöglichen, impliziert irgendwie, dass Rechtschreibregeln Naturgesetze sind, die sich irgendwann von Natur aus durchsetzen.
Wenn man aber ab Klasse 3 konsequent auf korrekte Otto-Krafieh ******* bestehen und alle Fehler, die vorher "keine Fehler, sondern toll" waren, monieren soll, dann hatte das Kind vielleicht zwei Jahre "Freude am Buchstabenmalen", aber hochpotentiell den Rest des Lebens Stress in der Schriftkommunikation.
Und bloß wegen ein paar reformpädagogischer******** Ideen, die eigentlich einen Sommer nicht hätten überleben müssen.

Gruß von buh2k+18


*: Vor Zeiten des Herrn Duden schrieb man eher beliebig und vor Zeiten des Herrn Luther auch noch eher selten.
**: Im Internet finden sich hinreichend viele (meist alltagsuntaugliche, aber korrekte) Beispiele für dramatische Fehlentscheidungen auf Grund inkorrekter Orthographie/(Orthografie)/Grammatik.
***: Ich schreibe bewusst "beigebracht werden", obwohl manche Methodik und manches Kind dagegen spricht*****.
****: Verliehen von meinen (nichtdeutschen wie deutschen Schülern)
*****: Da sie nicht gemeinsam sprechen, spricht jedes für sich dagegen.
******: Ich kann auch reden, gestikulieren, Grimassen ziehen, olfaktorisch flatulieren, warum also schreiben? Die Verfechter der Methode indoktrinieren also auch.
*******: Grammatik- und Orthographiefehler im Original von mir.
********: Ich habe hinreichend viele Fort- und Weiterbildungen besucht, um sagen zu können: Das stimmt alles, was da gesagt/gewünscht/gefordert wird (einschließlich solcher Ideen wie LdS, SummerHill/Freiarbeit), aber es funktioniert nur im totalen Individualbereich. Und DAS haben wir in der Schule eben nicht; und wir werden es auch nicht haben.\(\endgroup\)
 

Re: Reformation der Reform
von: Kitaktus am: Do. 18. Oktober 2018 12:46:31
\(\begingroup\)
Ich bin kein Pädagoge, kein Didaktiker und kein Lehrer. Ich blicke nur auf meine eigene Schulzeit zurück und auf die meiner Kinder.
Ich _sehe_ die Fehler, die meine Kinder beim Schreiben machen.
Ich komme aber nicht umhin festzustellen, dass ich die Fehler sehe, _weil_ sie schreiben und zwar nicht nur das, was gerade in der Schule dran war, sondern das, was ihnen in den Sinn kommt.
Wenn ich es mit meinen schriftlichen Ergüssen aus dem selben Lebensalter vergleiche, dann komme ich nicht umhin, meine eigene "Wortlosigkeit" zu erkennen. Viele, viele Zahlen, einige wenige Standardvokabeln, das war's. Für ein Kind mit hoher Intelligenz und hohem Selbstvertrauen ist das erschreckend wenig.
Wie man hier sieht, habe ich irgendwann später die Kurve gekriegt. Ich kenne aber Leute, die ihr Leben lang kaum mehr geschrieben haben als Einkaufszettel, die auf ihre Urlaubspostkarten nur schreiben "Viele Grüße aus ..., Euer ...) und die sich für einen Entschuldigungszettel für ihre Kinder eine Vorlage aus dem Internet suchen.

Es geht mir _nicht_ um einen Ideologienstreit!
Ich möchte mir einfach meine Meinung anhand von (relativ) objektiven Fakten bilden.
_Mir_ ist klar, dass meine Erfahrungen anekdotisch sind. _Mir_ ist klar, dass _mein_ Horizont relativ begrenzt ist. Genau darum erwarte ich von Leuten, die sich professionell mit dem Thema beschäftigen, dass sie ihren Betrachtungshorizont weit fassen, dass sie nicht nur Aspekt A erfassen, wenn es relativ offensichtlich einen Aspekt B gibt.
Eine Technik etwas besser zu beherrschen, nützt relativ wenig, wenn man sie (aus Angst vor Fehlern) nicht anwendet.

Am Rande noch eine persönliche Kritik an Deinem Beitrag:
Mit ziemlich vielen Worten bringst Du zum Ausdruck "LdS (& Co) funktionieren in der Schule nicht", dass das Deine Meinung ist, war mit schon lange vorher klar.
Erhofft hätte ich mir eine konkretere Aussage, was daran nicht funktioniert. Im Idealfall stünden am Ende Überlegungen, wie man die Vorteile von B nutzen könnte, ohne die Nachteile (voll) in Kauf zu nehmen.
Es geht nicht darum zu entscheiden "Fibel so wie früher" oder "Lesen durch Schreiben so wie etwas weniger früher". Es geht darum, welche Methode -- A, B, eine Mischung aus beidem, etwas ganz anderes -- "am Besten"(*) ist.

(*) Und für wen "am Besten" identisch ist mit "die wenigsten Fehler im Diktat", der springt definitiv zu kurz.
\(\endgroup\)
 

Re: Reformation der Reform
von: Kitaktus am: Mi. 24. Oktober 2018 10:16:12
\(\begingroup\)
Hier noch ein Link auf ein aktuelles Interview mit Jörg Ramseger zum Thema.
Seine These (so wie ich es verstehe) ist, dass es keine allein-glücklichmachende Methode gibt, sondern dass eine gute Lehrerin / ein guter Lehrer verschiedene Methoden im Repertoire hat und weiß, in welchen Situationen und für welche Schüler was angebracht ist.
Außerdem klärt er einige häufiger auftretende Missverständnisse auf.

Ein wohltuend unaufgeregtes und sachliches Interview.\(\endgroup\)
 

 
All logos and trademarks in this site are property of their respective owner. The comments are property of their posters, all the rest © 2001-2021 by Matroids Matheplanet
This web site was originally made with PHP-Nuke, a former web portal system written in PHP that seems no longer to be maintained nor supported. PHP-Nuke is Free Software released under the GNU/GPL license.
Ich distanziere mich von rechtswidrigen oder anstößigen Inhalten, die sich trotz aufmerksamer Prüfung hinter hier verwendeten Links verbergen mögen.
Lesen Sie die Nutzungsbedingungen, die Distanzierung, die Datenschutzerklärung und das Impressum.
[Seitenanfang]