Warum Mathematik
Von: Kiddycat
Datum: Mo. 07. Oktober 2013 11:28:41
Thema: Mathematik

BildImmer wieder erzähle ich Leuten, dass ich Mathematik studiere. Sei es irgendwelchen Leuten im Zug, den Ärzten, Leuten, die man neu kennen lernt. Ich bekomme ganz unterschiedliche Reaktionen. Manche sagen. "Mathe konnt ich noch nie." oder "Oh, das hätte mich auch interessiert."
Aber eines haben die Leute, die fragen, doch gemeinsam. Sie fragen: "Und? War es die richtige Wahl? Macht es noch Spaß?" Lange Zeit habe ich mir die gleiche Frage gestellt. Immer wieder habe ich mich gefragt, warum ich mir das überhaupt alles antue. Ich hätte irgendein leichtes Fach studieren können. In der Schule war ich zum Beispiel auch gut in Deutsch und in Biologie, zum Teil sogar besser als in Mathe. Aber beides hat mich nie so begeistert. Viele sagen, ihnen gefalle das abstrakte Denken, die Klarheit, der strukturierte Aufbau. Mir gefällt an der Mathematik etwas ganz anderes. Ich nenne es "Formbarkeit".Stelle dir vor, du stehst vor einem großen leeren Feld. Vielleicht ist es eine Steppe. Es wächst überall Gras und vereinzelt mal ein kleiner Strauch. Unter der Oberfläche befindet sich eine Erde, die sehr an Ton erinnert. Aber das weißt du noch nicht. Diese große Fläche mit ihrem Untergrund ist die Mathematik.
 
Am Anfang von deinem ersten Semester stehst du davor und du weißt erstmal überhaupt nichts mit dieser Fläche anzufangen. Vielleicht legst du dich drauf und ruhst dich aus, aber irgendwann fängt das Gras an zu kratzen. Vielleicht gehst du ein bisschen spazieren und siehst dir die öde Landschaft an, aber irgendwann werden dir die Füße weh tun. Langsam beginnst du an einer kleinen Stelle der Oberfläche zu kratzen. Du siehst ein wenig Erde hervor kommen, aber du kannst noch nicht so richtig was damit anfangen. Also kratzt du weiter und die Arbeit ist mühsam. Du kommst nur langsam voran und weißt nicht mal, ob du überhaupt auf dem richtigen Weg bist. Das ist das erste und vielleicht noch das zweite Semester. Nach diesen beiden hast du grad ein kleines Stückchen vom Gras weggekratzt. Höchstens einen Quadratmeter. Du kannst erkennen, dass da mehr zu sein scheint, als du gedacht hast. Du siehst aber das ganze noch nicht und du weißt immer noch nicht so recht, was du eigentlich erreichen willst.
 
Im nächsten Semester beginnst du wieder zu buddeln. Du buddelst schneller und schneller in der Hoffnung, dass du irgendwann mehr sehen kannst. Aber es kommt nicht mehr. Dein drittes Semester hast du hinter dich gebracht. Vielleicht hast du jetzt drei Quadratmeter freigelegt. Aber du bist noch nicht zu einem Ergebnis gekommen.
 
Völlig erledigt setzt du dich im vierten Semester erstmal neben dein Loch und fängst langsam an mit deinen Händen Figuren zu formen. Die Erde ist feucht und klebrig. Du hast schon ein paar Stellen entdeckt, wo die Erde einen kleinen Rotstich hat oder ein bisschen gelblich ist. Die meiste Erde ist jedoch braun. Du formst und knetest und kleine Figuren entstehen. Aber du hast nicht richtig geknetet, sie verlieren ihre Arme. Sie trocknen aus und brechen auseinander. Ihre Gesichter sind ausdruckslos. Manche haben ein großes Loch im Bauch. Bei manchen hast du die Beine vergessen. Alle diese fehlenden Teile, das auseinander gebrochene, das sind deine Beweise, deine Gedanken. Du fängst an Sachen zu modellieren, aber es ist noch nicht alles ganz stichhaltig. Du bist noch unsicher. Langsam übst du mit dem Material, was dir gegeben ist, Figuren zu gestalten und sie werden immer besser. Sie werden größer, Arme und Beine und der Bauch sind vorhanden. Sie bröckeln nicht mehr auseinander. Hier und da fehlt ein kleines Ohr, ein Zeh oder ein Finger. Kleinigkeiten im Vergleich zu früher, aber noch nicht perfekt.
 
Irgendwann hast du die ganze gute Erde verbraucht, die du schon aufgebuddelt hattest. Oder du lässt dich von den roten und gelben Farbtönen inspirieren und möchtest mehr davon verwenden, als du hast. Auf jeden Fall musst du wieder anfangen zu graben. Aber diesmal fällt es dir leichter. Du hast verstanden, warum du das tust. Wozu die ganze Mühe sich lohnt. Du kannst Formen und Farben mischen und erreichen, dass das rauskommt, was du gern hättest. Vielleicht ist die Figur noch gekrümmt. Nicht alles wird ein Meisterwerk. Wie sollte es auch?
 
An große Probleme trauen sich nur wenige heran. Sie liegen unter den wenigen Sträuchern verborgen, die die Antworten mit ihren Wurzeln fest im Boden verankern. Es erfordert viel Mühe und Geduld daran heran zu kommen.
 
Das ist für mich Mathematik. Mathe ist mühsam, es kostet sehr viel Zeit sich Dinge anzueignen. Aber wenn man dann ein Problem bekommt, kann man es Tage und Wochenlang mit sich herumtragen und dran feilen. Und am Ende hat man ohne es wirklich richtig mitbekommen zu haben, eine Lösung, von der man weiß, dass sie nur so und nicht anders sein kann. Die Lehmfigur ist schön geworden und man ist gern bereit, sie irgendwo auszustellen.
 
Das Bild wurde entnommen aus Wikipedia: Es steht nicht unter Urheberrecht, da der Künstler verstorben ist ( commons.wikimedia.org/wiki/File:PanamaPrecolPolychrome.jpg )
 


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